Montag, 24. April 2017

Oper: Gedanken zur Premiere von "Einstein on the Beach"

Szene aus "Einstein on the Beach" mit Bettina Lieder
Foto: Thomas Jauk / Stage Picture
Wie halten Eva Verena Müller und Bettina Lieder es aus, immer und immer wieder dasselbe zu sagen? Wie halten die Mitglieder vom ChorWerk Ruhr es aus, immer wieder dasselbe zu singen? Ich warte darauf, dass ich in die angekündigte Trance verfalle. Ich verfalle in keine Trance. Wenn Freiburg nicht noch ein Tor geschossen hätte, hätte ich im Tippspiel viel besser abgeschnitten. Mist. Viele Zuschauer gehen raus und kommen nicht wieder rein.


Jetzt kommt Andreas Beck im Affenkostüm auf die Bühne und hält eine Nonsensrede. Das gefällt mir gut. Es erinnert mich an das ganze schreckliche BlaBlaBla, das man den ganzen Tag so ertragen muss. Das ist auch nicht anders, als das, was Andreas Beck hier erzählt. Aber warum im Affenkostüm? Und warum ist das so lang? Soll ich auch rausgehen? Gottseidank habe ich nicht so viel getrunken. Aufs Klo muss ich schon mal nicht. Die Musik ist ziemlich monoton, wenn man ehrlich ist. Ich finde Geigenmusik schön, aber wenn der als Einstein verkleidete Geiger immer dieselbe Sequenz spielt, nervt’s. Überhaupt: Was hat das Ganze mit Einstein und der Physik zu tun? Jetzt kommt Kammersänger Hannes Brock als Einstein im Rollstuhl sitzend. Hat Einstein im Rollstuhl gesessen? Brock tut mir fast leid. Zusammen mit Opernsängerin Hasti Molavian muss auch er immer dasselbe singen. Beide verhaspeln sich manchmal ein ganz kleines bisschen. Gottseidank. Sie sind auch nur Menschen. Ein Blick auf die Uhr. Die Halbzeit ist geschafft. Jetzt zieh ich’s durch. Es gibt schöne Bilder. Eins erinnert mich an meine Schneesturm-Autofahrt neulich nachts durchs Sauerland. Ich bin zu dick, muss weniger essen. Vielleicht schaff ich’s, mich wieder zum Joggen zu animieren. Meine Gedanken driften ab. Ist das jetzt doch die Trance? Nein. Oben in den Übertiteln wird eingeblendet, dass die aktuelle Sequenz auf der Bühne noch 187 Mal wiederholt wird. Das ist zu viel für viele Zuschauer. „Meinen die das ernst?“, fragt auch meine Frau neben mir. Ich weiß es nicht. Sie meinen es nicht ernst. Irgendwann, als es noch 159 Wiederholungen sein sollen, bricht’s ab, und man möchte fast weinen vor Erleichterung. Ehrlich gesagt, es nervt, dass so viele Zuschauer eine Pause machen. In meiner Reihe geht’s noch, und ich muss nicht ganz so oft aufstehen. Direkt vor mir sitzt Alt-OB Langemeyer. Er hält auch durch. Ich muss schauen, wie die schreckliche Marine Le Pen in Frankreich abgeschnitten hat. Aber mein Handy ist im Spind. Man sollte es auch abschalten. Hab ich gemacht. Jetzt kommt ein Saxophon-Solo. Das ist toll. Die Chormitglieder verteilen sich in leuchtenden Kostümen seitlich im Zuschauerraum. Das schafft eine eindrucksvolle Akustik und Optik. Gut, dass ich durchgehalten habe. Auch die nächste Nummer ist Spitze. Hasti Molavian singt keine Worte, nur Laute, und in den Übertiteln wird eingeblendet: „Vorbei an den Eltern“, „Vorbei am Mittelalter“, „Vorbei an den alten Griechen“, „Vorbei am Urknall“. Da hab ich am ehesten sowas wie Gänsehaut. Andreas Beck kommt wieder auf die Bühne und erzählt denselben Sermon wie vorher. Die Nonsensrede und auch irgendwas mit Farben. Einmal hätte mir gereicht. Bettina Lieder und Eva Verena Müller sind irgendwann im Bühnenhintergrund, und ihre rauschenden Kleider werden von Windmaschinen aufgewallt und farbig angestrahlt. Das sieht toll aus. Raafat Daboul muss gefühlt extrem lange als riesiges Gehirn tanzen. Sieht auch toll aus und ist witzig. Ganz am Ende nach dreieinhalb Stunden Spieldauer kommt wieder Andreas Beck auf die Bühne und erzählt eine Liebesgeschichte. Die handelt von den Sternen und wie sehr ein junger Mann eine junge Frau liebt. Das ist zwar extrem kitschig, aber man ist nach dem ganzen avantgardistischen Zeug extrem dankbar für sowas Normales. Es gibt einen Wahnsinns-Applaus. Die Zuschauer, die für die Buhs zuständig gewesen wären, sind schon nicht mehr da. Fazit: Ja, es gibt sie, die ganz herausragenden Momente, in denen einem Mund und Nase vor Begeisterung offen stehen, aber es gibt auch viele Passagen, die einfach nur nerven.

Das waren meine Eindrücke zur Premiere von „Einstein on the Beach“ von Philip Glass am Sonntag im Opernhaus. Musikalische Leitung: Florian Helgath, Regie: Kay Voges. Zusätzlich zu den oben Genannten wirkt auch Opernsängerin Ileana Mateescu mit.

Andreas Schröter

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