Sonntag, 2. April 2017

"Flammende Köpfe" im Megastore: lehrreich, erschreckend und sehenswert

Arne Vogelgesang mit den flammenden Köpfen.
Foto: Hupfeld
Mit der Produktion „Flammende Köpfe“, die derzeit im Megastore läuft, geht das Schauspiel Dortmund konsequent jenen Weg weiter, den es in dieser Spielzeit bereits mit „Die schwarze Flotte“, „Furcht und Hoffnung in Deutschland“ und „Trump“ eingeschlagen hat: die Auseinandersetzung mit topaktuellen politischen und gesellschaftlichen Strömungen. Und das ist gut so.

„Flammende Köpfe“, Co-Regie: Wiebke Rüter, ist mehr ein Vortrag über Internet-Propaganda, der durch allerlei Technik aufgepeppt ist, als ein Theaterstück. Akteur Arne Vogelgesang, geboren 1977, ist ein Fachmann auf diesem Gebiet, und er hat zudem Regie am Max-Reinhardt-Seminar in Wien studiert. Insofern ist er prädestiniert für eine neue Kunstform, die das Schauspiel selbst „Video-Lecture“ nennt, also eine videounterstützte Verbindung von Vortrag und Schauspiel.

Auf zwei großen Videoleinwänden zeigt uns Vogelgesang im Laufe des gut zweistündigen Abends allerlei Beispiele für rechtsradikale Hassvideos, die er auf YouTube, Facebook oder Twitter gefunden hat. Da gibt es Menschen, die sich zu Hause in ihr Badezimmer stellen und den Spiegel anschreien, oder einen, der sein Smart-Phone in sein Auto aufs Armaturenbrett legt und sich selbst dabei filmt, wie er sich in Rage redet und gleichzeitig Auto fährt. Gehen die Botschaften in Richtung strafrechtlich relevante Volksverhetzung, schaffen diese Agitatoren einfach eine Kunstfigur und nennen das Ganze Satire.

Das alles ist höchst erschreckend, und man beginnt wieder etwas mehr zu verstehen, wie die Hetze und die Hinwendung zum Populismus in den vergangenen Jahren einen solchen Aufschwung nehmen konnten: Es gibt immer mehr Menschen, die sich nicht mehr über die klassischen Medien über das Weltgeschehen informieren, sondern ihr vermeintliches „Wissen“ lediglich über solche obskuren Videokanäle beziehen. Wer lange genug googelt, findet schon irgendeinen selbsternannten Prediger, der einen genau in der Meinung bestärkt, die man sich selbst schon irgendwo halb zusammengestoppelt hat, und das Ganze wird zum Flächenbrand.

„Flammende Köpfe“ ist lehrreich und durch das sympathische, sich selbst zurücknehmende Auftreten von Arne Vogelgesang sehr angenehm. Aber es ist auch ein Abend, dessen Gelingen stark vom Funktionieren der komplizierten Technik abhängt. Bei der Vorstellung am 1. April fällt zwischendurch einer von zwei Beamern aus, und alles droht zu kippen. Eine Technikerin rettet den Abend, und auch Vogelgesang reagiert in dieser Situation gekonnt, indem er einfach das Publikum bittet, Fragen zu stellen – ein Angebot, dass ein Mann in der ersten Reihe gerne annimmt. Einer der theatralen Gags ist, dass Vogelgesang die Köpfe einiger dieser Hassprediger in einem speziellen 3-D-Computerprogramm in Grafiken verwandelt und sie anschließend in einer Galerie des Grauens auf der hinteren oberen Wand im Vorstellungsraum aufreiht: die „flammenden Köpfe“. Sehenswert.



Andreas Schröter

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