Sonntag, 12. Februar 2017

Schauspiel im Megastore: "hell / ein Augenblick" mit Stärken und Schwächen

Foto von Uwe Schmieder aus
"hell / ein Augenblick" Foto: Marcel Schaar
Dass die Zuschauer beim Einlass zu einem Theaterabend Warn- und Verhaltenshinweise ausgehändigt bekommen, ist äußerst ungewöhnlich. Bei „hell / ein Augenblick“ (Regie Kay Voges) passiert’s. Premiere war am Samstag im Megastore. Die Warnungen beziehen sich auf den extremen Wechsel von totaler Dunkelheit und Blitzlicht, der sich über das gesamte etwa 100 Minuten lange Stück erstreckt. Und nicht alle Zuschauer halten das aus. Zumindest eine Frau muss die Vorstellung frühzeitig verlassen.

Und so ist man denn doch ein bisschen zu sehr damit befasst, die Augen vor Schaden zu bewahren und beispielsweise während der Dunkelszenen nicht zu sehr in Richtung Bühne zu starren, um nicht frontal vom nächsten Blitz erwischt zu werden. Durch die Konzentration darauf rauscht ein Teil des eigentlichen Inhalts an einem vorbei und es kommt kaum zu einem Gefühl der Meditation, was sicherlich eines der Ziele dieser Inszenierung ist.

Dieser ungewöhnliche Abend feiert die Schwarzweiß-Fotografie. Fotograf Marcel Schaar fotografiert die Schauspieler (das gesamte Dortmunder Ensemble ist beteiligt) in unterschiedlichen Posen – und seine Bilder werden sogleich auf zwei Riesenleinwände projiziert. Dabei entstehen äußerst beeindruckende, ausdrucksstarke, extrem kontrastreiche Fotos, die alle Facetten des menschlichen Lebens und alle Formen menschlicher Empfindungen zeigen. Man wundert sich darüber, wie es technisch möglich ist, so starke Fotos aus einer totalen Dunkelheit heraus hinzubekommen, und zwar ohne dass auch nur ein einziges Bild missrät. Beim Rausgehen fragen sich daher einige Zuschauer, ob die Fotos wohl wirklich alle live an diesem Abend entstanden sind.

Während dieser Mega-Foto-Session rezitieren die Schauspieler aus der Dunkelheit heraus aus religiösen Schriften, philosophischen Abhandlungen und anderem mehr oder weniger Geistreichem. Man sieht sie dabei wegen der Dunkelheit nur schemenhaft auf der Bühne. Drei Beispiele: „Wenn ich sehe die Himmel, den Mond und die Sterne – was ist der Mensch?“ (Psalm aus der Lutherbibel), „Die beiden Türen der Welt stehen offen, wir hören sie schlagen und schlagen.“ (Paul Celan), „Ich erinnere mich an das Grab und den knienden Jungen und die Blumenvase, in die er immer wieder hineinruft: Hallo … Hallo“. Das kann man sicherlich bewegend finden, aber in seiner ganzen Getragenheit, Geballtheit und Humorlosigkeit wirkt es am Ende auch etwas penetrant. Der Ausdruck „Depri-Schwulst“ ist später von einer Zuschauerin zu hören – so wie Phillip Boa in den düsteren 80ern.

Irgendwo war zu lesen, „hell / ein Augenblick“ sei eine Art Fortsetzung der „Borderline Prozession“. Aber Letzteres ist um Längen besser und vor allem abwechslungsreicher.

Unerklärlich bleibt, warum die Zuschauer am Anfang beim Warten auf den Beginn der Vorstellung mit einer Art Flutlichtanlage bestrahlt werden, die nicht nur gleißendes, blendendes Licht, sondern auch große Hitze ausstrahlt.

www.theaterdo.de

Andreas Schröter

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