Mittwoch, 11. Januar 2017

Museum Ostwall: Fluxus-Sammlung wächst

Anlässlich seines 75. Geburtstags überreichte
 Klaus Fehlemann (links) das Werk von Tim Ullrichs
 „Der erste sitzende Stuhl (nach langem Stehen sich zur Ruhe setzend)“
 an den neuen Leiter des Dortmunder U Edwin Jacobs (re.)
 und an Dr. Nicole Grothe (Leiterin der Sammlung des MO) (2.v.l.).
Bild: Dortmund-Agentur / Roland Gorecki
Klaus Fehlemann beschenkt das Museum Ostwall mit einer Arbeit des international renommierten Fluxus-Künstlers Timm Ulrichs. Das Werk trägt den Titel "Der erste sitzende Stuhl (nach langem Stehen sich zur Ruhe setzend)".

Klaus Fehlemann, Vorstandsvorsitzender des Vereins der Freunde des Museums Ostwall, wird 75 Jahre alt – und macht dem Museum Ostwall ein besonderes Geschenk.


Mit einem Multiple des international renommierten Fluxus-Künstlers Timm Ulrichs aus dem Jahr 1970 erweitert er die Fluxus-Sammlung des Museums. Das Werk trägt den Titel "Der erste sitzende Stuhl (nach langem Stehen sich zur Ruhe setzend)".

In der Dauerausstellung des Museums Ostwall ist bereits das "Three Chair Event" des Fluxus-Künstlers Georg Brecht und ein "Stuhl" von Dieter Roth zu sehen; zur Sammlung des Hauses gehört außerdem ein von Nam June Paik bearbeiteter Regiestuhl. Nun wird das Thema des "Stuhlkreises" durch ein weiteres wichtiges Werk ergänzt.

Das Museum Ostwall freut sich sehr über das Geschenk Klaus Fehlemanns, der als Vorsitzender der Freunde des MO stets engagiert für den Sammlungsschwerpunkt "Fluxus und Co" wirbt und hilft, diesen zu erweitern – nicht zuletzt durch die Erfindung des MO Kunstpreises, den die Freunde des MO einmal jährlich vergeben. Mit dem "ersten sitzende Stuhl" von Timm Ulrichs ist die Sammlung des MO nun um eine ebenso witzige wie tiefgründige Arbeit eines international renommierten Künstlers reicher.

"Normalerweise wird das Geburtstagskind beschenkt – Klaus Fehlemann macht es umgekehrt", freut sich Dr. Nicole Grothe, die Leiterin der Sammlung des Museums. "Timm Ulrichs hat in unserer Sammlung bisher gefehlt, wie schön, dass diese Lücke nun geschlossen wird!" Auch Edwin Jacobs, der neue Leiter des Dortmunder U und des Museums Ostwall, bedankt sich herzlich: "Was für eine besondere Überraschung! Mit dieser großzügigen Schenkung bereichert Herr Fehlemann unsere Sammlung sehr."

Der Künstler: Timm Ulrichs

Timm Ulrichs, Jahrgang 1940, ist Konzept- und Performance-Künstler. Mit seinen Installationen, Performances und Objekten ist er seit den 1960er Jahren eine feste Größe im Kunstbetrieb. In der Sammlung des Museums Ostwall befanden sich bisher lediglich einige Grafiken und Künstlerbücher des Künstlers – Grund genug für den Vorsitzenden der Freunde des MO, der Sammlung nun ein Objekt zu schenken.

Timm Ulrichs‘ Auseinandersetzung mit alltäglichen Aspekten des menschlichen Daseins, aber auch mit den Gegenständen, die uns umgeben, und ihrer Funktion erinnern an Fluxus und verwandte Kunstformen der 1960er und 1970er Jahre. Allerdings ist die Verwobenheit von Ulrichs‘ Leben mit seiner Kunst derart radikal, dass er von seinem Werk zu Recht als "Totalkunst" spricht: 1961 stellte sich selbst als "erstes lebendes Kunstwerk" aus; spazierte später als "menschlicher Blitzableiter" nackt über ein Feld oder dokumentierte mit "Durchsicht durchs Ich. Eine endoskopische Reise" durch Verschlucken einer Kamera den 9-stündigen Weg der Nahrung durch seinen Verdauungstrakt.

Seine Objekte und Installationen tragen oft dadaistische Züge; sie erscheinen zuweilen paradox, zeugen aber von Humor. Hierzu gehören Aluminiumschilder mit Aufschriften wie "Lesen Sie diesen Satz nicht zu Ende!" oder "Können Sie mir diese Frage beantworten?" ebenso wie der aus Tierpräparaten hergestellte "Wolf im Schafspelz" und sein Pendant "Schaf im Wolfspelz", die 2015 in der Ausstellung "Arche Noah" des Museums Ostwall im Dortmunder U zu sehen waren.

Das Werk: "Der erste sitzende Stuhl …"

Der "erste sitzende Stuhl…", ein Multiple, das in einer Auflage von 250 Exemplaren existiert, beleuchtet anhand eines Alltagsobjekts das Verhältnis von Sitzen und Stehen: Viele Stunden täglich sitzt der Mensch; Stühle sind ebenso wie Betten oder Tische – zumindest in der westlichen Welt – aus unserem Alltag kaum wegzudenken. Wie aber ist es für den Stuhl, den ganzen Tag stehen zu müssen, nur damit wir sitzen können? Wäre es – als Geste der Höflichkeit – nicht geboten, dann und wann einmal aufzustehen und dem Stuhl den Sitz-Platz anzubieten, so dass die Last des Stehens und der Genuss des Sitzens am Ende des Tages gleich verteilt sind, zwischen Mensch und Stuhl?

Stuhl-Kunst im MO

Timm Ulrichs‘ Stuhl erweitert eine Sammlung von Stühlen verschiedener Künstler aus den 1960er und 1970er Jahren, die überwiegend aus der Sammlung Wolfgang Feelischs stammen. Aktuell sind folgende in der Dauerausstellung des MO zu sehen:

George Brechts "3 Chair Events" (hier in einer Umsetzung von 1971) fordern den Besucher auf, den Umgang im einem gelben, einem schwarzen und einem weißen (Schaukel)-Stuhl als Event zu praktizieren und den verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten eines Stuhls oder verschiedenen Arten des Sitzens nachzugehen.

Robert Filliou baute 1969 einen "Chair" als "Joint Work with Friends", also als Gemeinschaftsarbeit mit Freunden, der eher die skulpturale Qualität des Möbels in den Vordergrund rückt. Zum Sitzen ist der Stuhl zu fragil. John Armleder betont mit "RAL3000" die industrielle Farbgebung seines Objet Trouvés, die er mit einer monochromen Leinwand gleichen Farbtons noch unterstreicht.

Dieter Roth umwickelte einen Stuhl mit Unmengen grünen Klebebands, so dass er ebenfalls eher als amorphe Skulptur denn als bequeme Sitzgelegenheit erscheint.

Auch der "Wanderstuhl" von Stefan Wewerka, ist zwar zu einem praktischen, bei einem Spaziergang gut tragbaren Bündel verschnürt – darauf sitzen lässt es sich jedoch nicht.

Der "schwarz-weiße Jonny (Steter Tropfen höhlt den Stuhl, Portrait of an Electric Pater)" von Hans Peter Alvermann erinnert mit angeschweißtem Wasserhahn an ein Folterinstrument und verweist damit auf die in den 1960er Jahren an kirchlichen Schulen übliche strenge Erziehung, bei der das "Geradesitzen" als wichtige zu erlernende Kompetenz galt.

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