Sonntag, 11. Dezember 2016

Schauspiel im Megastore: "Furcht und Elend des Dritten Reiches" insgesamt nicht überzeugend

Szene aus "Furcht und Elend des Dritten Reiches" mit
Bettina Lieder und Frank Genser. Foto: Hupfeld
Gegenüber den guten bis sehr guten anderen Stücken am Schauspiel Dortmund in dieser Spielzeit wie „Heimliche Helden“, „Triumph der Freiheit“, „Kasimir und Karoline“, „Das Interview“ oder „Die schwarze Flotte“ fällt „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ – Premiere war am Samstag im Megastore – etwas ab. Es wirkt insgesamt unfertig und in sich nicht hundertprozentig geschlossen.

Man bewundert zwar wie immer in Dortmund die herausragende schauspielerische Leistung der Akteure, echte Begeisterung für das Stück insgesamt kommt aber nicht auf, wie auch der vergleichsweise verhaltene Premierenapplaus am Ende zeigt.

Regisseur Sascha Hawemann, der zuvor in Dortmund bereits den Drei-Stunden-Koloss „Eine Familie: Osage County“ inszeniert hatte (Oktober 2015), hat sich elf der über 30 kleinen Szenen aus dem Brechtschen Original herausgepickt. Allen Szenen gemeinsam ist die Angst, die die Menschen Mitte der 30er-Jahre zu Beginn der Nazi-Herrschaft empfinden. Da ist der Richter (Andreas Beck), der nicht weiß, ob er noch zugunsten eines Juden entscheiden darf – obwohl der klar im Recht ist –, ohne eigene Konsequenzen befürchten zu müssen. Da ist der SA-Mann (Frank Genser), der seine Späße mit einem Arbeitslosen treibt und dabei die Grenzen zwischen Spaß und Ernst verschwimmen, und da ist das Paar (Merle Wasmuth und Carlos Lobo), das sich in seine Panik hineinsteigert, der Sohn (Raafat Daboul) könnte die Eltern bei den Nazis angeschwärzt haben.

Äußerst beeindruckend agiert einmal mehr Friederike Tiefenbacher als Jüdin, die Deutschland den Rücken kehrt. Am tiefsten unter die Haut geht eine Szene mit Bettina Lieder und Frank Genser, die ein Hochzeitspaar spielen, das sich im lockeren Plauderton über ein grausiges Erschießungskommando in der Ukraine unterhält.

Sascha Hawemann setzt einen Erzähler (Uwe Schmieder) ein, lässt Live-Klaviermusik spielen (Xell), zeigt arabische Übertitel, und wählt ein theatrales Stilmittel, das oft gut funktioniert, diesmal aber nicht: Er thematisiert das Schauspielen selbst, indem er manche Sequenzen mehrmals wiederholen lässt. Das schafft unnötige zusätzliche Brüche in einem Stück, dessen Original wegen seiner Collagentechnik ohnehin schon mehr als genug Brüche hat.

Das Bühnenbild besteht – wie schon mehrmals in Megastore-Produktionen – aus fahrbaren Kästen, in denen Küchen, Schlafzimmer oder Ähnliches dargestellt werden: ein gutes Mittel, um die im Megastore fehlende Bühnentechnik auszugleichen. Nachteil diesmal: die Elemente mit ihren Gardinen verdecken manchmal die Videowand im hinteren Bühnenteil, auf der Original-Filme und Fotos aus den 30er-Jahren zu sehen sind.

Auch kleine Albernheiten, wie sie sich das Schauspiel Dortmund gelegentlich gönnt – diesmal ist es unter anderem ein Mensch im Froschkostüm, der unvermittelt über die Bühne tapert –, passen nicht recht zum Ernst des Stoffes.

Natürlich versucht das Team nicht nur eine historische Situation aus den 30er-Jahren abzubilden, sondern zugleich einen Bezug zur Gegenwart herzustellen. Doch wenn Szenen aus dem zerstörten Aleppo über die Videowand laufen oder Raafat Daboul einen Panzerfahrer von dort mimt, wirkt der Bezug zum Deutschland in den 30er-Jahren dann doch etwas an den Haaren herbeigezogen.


Andreas Schröter

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