Sonntag, 4. Dezember 2016

Blick nach Bochum: ein langer Theaterabend zum Ost-/West-Konflikt im Schauspielhaus

Szene aus "Die unsichtbare Hand"
Foto: Schauspielhaus Bochum
Mit dem Krieg der USA gegen den Terror in Pakistan befassen sich zwei politische Theaterstücke, die Regisseur Anselm Weber für das Schauspielhaus Bochum nun zu einem langen Abend zusammengefasst hat: „Die unsichtbare Hand“ und „Am Boden“ beleuchten dabei ganz unterschiedliche Perspektiven des Themas. Premiere war am Samstag in den Kammerspielen.


In „Die unsichtbare Hand“ geraten wir in die Zelle des amerikanischen Finanzmanagers Nick (Heiko Raulin), der von pakistanischen Terroristen gefangen gehalten wird. Sie fordern 10 Millionen Euro Lösegeld, die die amerikanische Bank, für die er tätig ist, jedoch nicht zahlen will. Da bleibt nur eins: Er muss sich sein Geld selbst erwirtschaften. Zusammen mit seinem Peiniger Bashir (Omar El-Saeidi) macht er sich ans Werk – und wird dabei immer skrupelloser. Und hier verschiebt sich erstmals die Sichtweise der Zuschauer auf dieses Theaterstück: Waren es zunächst die bösen barbarischen Terroristen, die einen liebenswerten armen Familienvater gefangen halten, ist es nun Letzterer selbst, der Leid und sogar Tod in der Zivilbevölkerung hinnimmt, um sein Ziel – Geld zu verdienen – zu erreichen. So schlägt er vor, in Pakistan Wasser zu privatisieren, um den Terroristen auf diese Weise Geld zu verschaffen, das daraus resultierende Leid der Zivilbevölkerung außer acht lassend.

Zentrale Szene in diesem Zweiakter von Ayad Akhtar ist die Frage des Imams (Matthias Redlhammer) nach den Werten der amerikanischen Gesellschaft. An die Stelle von Religion und moralischen Werten sei doch wohl das Geld getreten, sagt er. Doch so einfach ist es nicht. Denn im weiteren Verlauf des Stücks verfallen auch die Araber der Jagd nach dem Mammon und bringen sich letztlich gegenseitig um – eine weitere Verschiebung der Sichtweise auf die beiden anfangs doch so unterschiedlich erscheinenden Welten.

Pulitzerpreisträger Ayad Akhtar beschäftigt sich damit nach „Disgraced (Geächtet)“, das derzeit am Schauspiel Dortmund läuft, ein weiteres Mal mit Fragen der kulturellen Identität des Westens auf der einen und der muslimischen Welt auf der anderen Seite und wie sich beide gegenseitig beeinflussen.

Gemeinsamkeit mit dem zweiten Stück des Abends, „Am Boden“ von George Brant, ist die Tatsache, dass das, was die Protagonisten mit ihrem Tun anrichten, weit weg ist. Es spielt sich irgendwo anders ab und erreicht uns bestenfalls auf dem Computer-Monitor. Das Bühnenbild (Raimund Bauer), bestehend aus einem Raster von neonfarben leuchtenden Linien, unterstreicht das: Wir befinden uns in einer digitalen, irreal anmutenden Welt. Es ist im zweiten Stück eine Pilotin der US Air Force (in einem beeindruckenden Monolog: Sarah Grunert), die zur Drohnenpilotin degradiert wird, als sie ein Kind bekommen hat. Tagsüber tötet sie Terroristen, die 8000 Kilometer weit weg sind, abends fährt sie nach Hause zu Mann und Kind. Psychisch gerät sie dabei immer mehr ins Trudeln ...

„Die unsichtbare Hand“/“Am Boden“ ist ein knapp dreistündiger düsterer Theaterabend (mit zwei Pausen), der sich mit aktuellen Fragen zum Ost-/West-Konflikt auseinandersetzt. Regisseur Anselm Weber setzt zwar auf sparsame Weise auch Videotechnik ein, verlässt sich aber ansonsten weitgehend auf die Kunst seiner Schauspieler. Zu Recht am meisten Applaus erhalten am Ende „Pilotin“ Sarah Grunert für eine 50-minütige tolle Bühnenpräsenz und Heiko Raulin als Finanzmanager.


Andreas Schröter

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