Sonntag, 30. Oktober 2016

Ballett: "Faust II - Erlösung!" ist ein Traum aus Licht

Szene aus "Faust II - Erlösung!" mit Lucia Lacarra
und Marlon Dino. Foto: Theater Dortmund
„Träume aus Licht“ heißt ein Song aus dem Musical „Sunset Boulevard“, das derzeit im Opernhaus läuft. „Träume aus Licht“ wäre auch ein hervorragendes Motto für Xin Peng Wangs Ballett-Inszenierung „Faust II – Erlösung!“, die Samstag umjubelte Premiere im Opernhaus hatte. Es ist schier unglaublich, welche magischen Bilder der chinesische Lichtkünstler Li Hui auf die Bühne zaubert.


In einer Szene erschafft er ein wellenbewegtes Meer nur aus Licht und Nebel, in dem sich die Tänzer bewegen. Mal sind ihre Köpfe anscheinend über, mal unter Wasser. Man vergisst fast, dass diese Szene einen ernsten Hintergrund hat, so schön ist das. Denn Xin Peng Wang und sein Dramaturg Christian Baier vertanzen nicht nur Goethes Spätwerk, sondern verbinden es mit dem aktuellen Flüchtlingselend. Die Tänzer im wogenden Nebelmeer sind Flüchtlinge, die übers Wasser kommen.

In der Einführung gibt Christian Baier zu, dass es eigentlich unmöglich ist, den Literaturkoloss vom Anfang des 19. Jahrhunderts in Tanz umzusetzen. Schließlich sei allein die Frage, worum genau es in diesem Buch eigentlich gehe, schon schwierig zu beantworten. Das Verständnis für dieses Werk setze eine ungeheure Kenntnis zum Beispiel in griechischer Mythologie voraus. Und so sehen die Ballett-Zuschauer zwar einzelne Motive des Klassikers, aber es fällt im Gegensatz zur grandiosen Faust-I-Inszenierung der vorigen Spielzeit schwer, darin eine zusammenhängende Geschichte zu erkennen. Das Erwachen des Homunculus (Giacomo Altovino) kommt vor und natürlich Faust (Marlon Dino) sowie Mephisto, der wie schon in „Faust I“ von einem herrlich diabolisch wirkenden Dann Wilkinson getanzt wird. Sogar mit Margarethe (Lucia Lacarra) gibt’s ein Wiedersehen. Und so ist dieser Abend mehr eine Collage aus Tanzszenen, die locker einzelne Motive aus Faust II aufgreifen, nicht aber Handlungsballett im eigentlichen Sinne.

Zwei Besonderheiten, die ungewöhnlich für einen Ballettabend sind, baut Xin Peng Wang ein. Sängerin Maike Raschke und eine Cellistin (mit Musik von David Lang) treten in einem Käfig aus grünem Licht auf und sorgen für optische und akustische Abwechslungen.

Bei der Musikauswahl, die zum Teil aus minimalistischen Klangsequenzen zeitgenössischer Komponisten besteht, beweist Xin Peng Wang Mut, dürfte doch das Nußknacker- und Schwanensee-gewöhnte Ballett-Publikum anderes erwarten. Und so ist aus den Pausengesprächen gelegentlich herauszuhören, dass nicht alle Zuschauer eine solche Art von Musik gutheißen. Interessant ist eine Komposition von Louis Andriessen unter dem Titel „The Nine Symphonies of Ludwig van Beethoven“ – aus dem Orchestergraben perfekt dargeboten von den Dortmunder Philharmonikern unter Leitung von Philipp Armbruster – in der der Komponist verschiedene Motive aus der Musik Beethovens vereint. Anklänge aus dem berühmten zweiten Satz von Beethovens Siebter sind auch vorher schon zu hören (in einer Komposition von Michael Gordon).

Auf allerhöchstem tänzerischen Niveau bewegt sich einmal mehr die Dortmunder Ballett-Compagnie, und so lohnt sich der Kartenkauf für diese Produktion in jedem Fall, auch wenn einem am Ende vielleicht nicht alle Aspekte dieses Abends gleichermaßen gut gefallen.

Andreas Schröter

www.theaterdo.de

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