Samstag, 17. September 2016

Beeindruckende Premiere am Schauspiel: "Triumph der Freiheit #1"

Szene aus "Triumph der Freiheit #1" mit
Sebastian Kuschmann und dem
Dortmunder Sprechchor. Foto: Hupfeld
Als man ganz am Ende beim tosenden Schlussapplaus in die Gesichter der Akteure blickt, sieht man dort vor allem Anstrengung und totale Erschöpfung. Bei der Premiere von „Triumph der Freiheit #1“ am Freitagabend in der immer noch stickigen Megastore-Halle hatten die Angestellten des Dortmunder Schauspiels einmal mehr alles gegeben – und den Zuschauern in drei Stunden Spieldauer einen wunderbaren Theaterabend beschert.


Ich gebe zu, dass ich ein wenig skeptisch in diesen Abend gegangen war: Stundenlanges Gerede über die Französische Revolution? Das könnte hart werden. Gut, man muss sich tatsächlich ein wenig konzentrieren, um alle Windungen und Wendungen in den Auseinandersetzungen zwischen drittem Stand (dem Volk), dem Adel, dem Klerus und dem König mitzubekommen, doch das alles haben Regisseur Ed. Hauswirth und sein Team so unterhaltsam arrangiert, dass in keiner Sekunde Langeweile aufkommt.


Grotesker Kopfschmuck

So ist der König (Uwe Rohbeck) und seine Gemahlin (eine mit grotesk witzigem Kopfschmuck ausstaffierte Friederike Tiefenbacher) größtenteils über Video-Einspielungen zu sehen, die per geschicktem Hintergrund den Eindruck vermitteln, als wandelten sie nicht in Dortmund-Hörde, sondern im Schloss Versailles.


Mittelpunkt des Abends ist eine wackelige Bühne, die augenfällig die unsicheren und sich verschiebenden Machtverhältnisse während des Revolutionsprozesses versinnbildlicht. Viel von dem Geschehen spielt sich neben der Bühne ab, doch immer wieder wagen sich einzelne Schauspieler auf die Wackelfläche, um dann in beeindruckenden Soli ihre ganze Bühnenpräsenz zu zeigen. Den WOW-Effekt erzielen auf diese Weise einige, die bereits von Anfang an zum Voges-Ensemble gehören: Björn Gabriel (als blasierter Adliger mit Wandlungspotenzial), Caroline Hanke (unter anderem als Zuckerbäckerin aus dem Volk) und die schon erwähnte und umwerfende Friederike Tiefenbacher als Königin. Gleiches gilt für Merle Wasmuth (als Adelige), Powerfrau Marlena Keil (als Revolutionsführerin), die ihr Gesangstalent zeigen darf, und den vermeintlich stets nahe am Wahnsinn wandelnden Uwe Schmieder (den sowieso) als Volksvertreter.

Sprechchor auf Knien

Auch Teile des Sprechchors haben in dieser Produktion ihren Auftritt. Und während man bei früheren Stücken gelegentlich den Eindruck hatte, der Sprechchor sei etwas bemüht in ein Skript hineingeschrieben worden, um ihm Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen, passt er diesmal hundertprozentig – und zwar als Volk. In einer Szene müssen sich die Mitglieder des Chors mindestens eine Viertelstunde lang unter die Wackelbühne knien. Die Symbolik ist klar: Alle Kämpfe zwischen streitenden Revolutionsführern (auch untereinander streitend) und der Obrigkeit gehen auf den Rücken des Volkes. Als Zuschauer hat man Mitleid mit den Knieenden und möchte ihnen am liebsten zu Hilfe eilen.

Doch das Dortmunder Schauspiel begnügt sich nicht mit einer bloßen Nacherzählung der Jahrhunderte zurückliegenden Ereignisse in Frankreich. Ed. Hauswirth gelingt spielend der Dreh in unser Hier und Heute, wenn die Revolutionäre plötzlich selbst nach härteren Sanktionen zum Beispiel gegen Flüchtlinge schreien. Auch andere Anspielungen auf zeitgeschichtliche Ereignisse kommen vor: Merkels „Wir schaffen das“, der sozialistische Bruderkuss zum Beispiel zwischen Honecker und Breschnew oder auch der berühmte Schabowski-Ausspruch „Meines Wissens sofort“.

Smartphones im 18. Jahrhundert

Witzig ist, dass sich die Akteure mittels moderner Smartphone-Technik über den Fortgang der Ereignisse informieren und immer wieder Liveschalten wie in heutigen Nachrichten-Sendungen mit integrierter Laufschrift mit den wichtigsten Schlagzeilen eingeblendet werden. Auch brennende Autos dürfte es bei der wirklichen Französischen Revolution noch nicht gegeben haben.

Das Original stammt übrigens von Joël Pommerat und heißt „Ça ira (1) Fin des Louis (La Révolution #1). Es wurde drei Mal mit dem wichtigsten französischen Theaterpreis, dem Molière 2016, ausgezeichnet.

Meine Empfehlung: genug (Wasser) trinken, ein Mittagsschläfchen machen und dann gut ausgeruht und fit diesen Theaterabend genießen!

Andreas Schröter


Besetzung

§ König: Uwe Rohbeck

§ Königin: Friederike Tiefenbacher

§ Elisabeth, Schwester des Königs:Caroline Hanke

§ Sohn des Königs: Leonhardt Walkenhorst

§ Berater der Königs: Lukas Gander

§ Premierminister: Andreas Beck

§ Erzbischof von Narbonne:Sebastian Kuschmann

§ Erzbischof von Valence: Henri Hoffmann, Jürgen Luga

§ Dumont Brézé, Vertreter des Adels: Björn Gabriel

§ De Lacanaux, Vertreterin des Adels: Merle Wasmuth

§ Sitzungsvorsteherin : Friederike Tiefenbacher

§ Carray, Vertreter des 3. Standes:Sebastian Kuschmann

§ Boberlé, Abgeordnete des 3. Standes: Caroline Hanke

§ Gigart, Abgeordneter des 3. Standes: Uwe Schmieder

§ Lefranc, Abgeordnete des 3. Standes: Marlena Keil

§ Lamy, Abgeordneter des 3. Standes: Lukas Gander

§ Mitglieder im Bezirksausschuss (3. Stand): Dortmunder Sprechchor

§ Indonesische Journalistin: Merle Wasmuth

§ Übersetzerin: Caroline Hanke

§ 1. Frau: Petra Maria Roth, Lilli Fehr-Rutter

§ 2. Frau: Ulrike Späth, Anette Struck

§ Männer und Frauen: Lukas Gander, , Uwe Schmieder, Friederike Tiefenbacher, Caroline Hanke

§ Live-Kamera: Tobias Hoeft

§ Regie: Ed. Hauswirth

§ Bühne: Susanne Priebs

§ Kostüme: Vanessa Rust

§ Komposition: T.D. Finck von Finckenstein

§ Video-Art: sputnic, Jan Voges

§ Director of Photography: Voxi Bärenklau

§ Dramaturgie: Alexander Kerlin

§ Licht: Stefan Gimbel

§ Ton: Gertfried Lammersdorf

§ Regieassistenz: Maximilian Stefan

§ Ausstattungsassistenz: Clara Hedwig,, Yaroslava Sydorenko

§ Kostümassistenz: Hannah Bünemann

§ Dramaturgieassistenz: Matthias Seier

§ Video-Assistenz: Julia Gründer, Tobias Hoeft

§ Inspizienz: Ralf Kubik

§ Soufflage: Ginelle Lindemann

§ Rhetorik-Beratung: Hans Hütt

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