Samstag, 23. April 2016

Schauspiel: "Die Borderline-Prozession" ist der Hammer!

Szene aus der "Borderline-Prozession" mit Andreas Beck.
Foto: Schaar
Wow! Was für ein Hammer! Was für ein Monster-Theaterabend! Mit seiner neuesten Arbeit „Die Borderline-Prozession“ übertrifft Schauspiel-Chef Kay Voges alles, was er in seinen fast sechs bisherigen Jahren in Dortmund gezeigt hat: die aufwendige „Die Show“, den „Tannhäuser“ und „Das Fest“. „Die Borderline-Prozession“, in der es um nichts weniger als um das menschliche Leben selbst geht, ist alles zugleich: spannend, anstrengend, manchmal nervig, aber insgesamt einfach atemberaubend.

Voges und sein Team nutzen hier die Möglichkeiten im Hörder Ausweichstandort Megastore geradezu optimal. In der Mitte der großen Halle steht die Bühne, die in ihrer Aufwendigkeit vergleichslos ist. Sie ist eine Aneinanderreihung von Zimmern: eine Küche, ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, eine Terrasse, ein Badezimmer, ein Kraftraum und noch einiges mehr. In all diesen Räumen spielt sich menschliches Leben ab, wie wir es kennen: ein Mann kommt immer wieder von der Arbeit nach Hause und isst zu Abend, eine junge Frau duscht, eine Mutter versorgt ihr Kind, ein Paar scheint Beziehungsprobleme zu haben. Weil eine Kamera während der gesamten drei Stunden, die dieses Stück dauert, um die Riesenbühne kreist, können die Zuschauer nicht nur das Zimmer einsehen, vor dem sie gerade sitzen, sondern auch alle anderen. Zweimal werden sie aufgefordert, die Plätze zu wechseln, um eine andere Perspektive einzunehmen. Im Schauspielhaus wäre diese Produktion aus Platzgründen schlicht nicht möglich gewesen. Dem Umbau im Theater sei Dank!

In der „Borderline-Prozession“ werden die Zuschauer mit Sinneseindrücken geradezu überhäuft. Das Schauspiel empfiehlt ihnen, sich in den Pausen mit Erfrischungen von der Bar einzudecken. Die – größtenteils sprachlosen – Schauspieler schaffen schöne, skurrile und abschreckende Bilder. Es gibt Tränen, Freude, eine Vergewaltigung, mehrere Tode, Liebe, SM-Fantasien, Nacktheit, Hitler, Napoleon, einen Astronauten, Soldaten, die in die Luft schießen, und vieles, vieles mehr. Dazu flackern die zum Teil mit Text unterlegten Bilder aus den anderen Räumen. Aus dem Off werden lautstark per Verstärkeranlage Textstellen von bekannten Schriftstellern wie Charles Bukowski oder aus der Bibel zitiert. Es empfiehlt sich, dieses Theaterstück, das eigentlich mehr eine gigantische Installation oder auch Performance ist, nicht nach einem harten Arbeitstag in übermüdetem Zustand zu besuchen.

Manchmal kreist nicht nur der Kamerawagen mit Kameramann Jonas Schmieta und dem armen Menschen, der ihn drei Stunden ziehen muss, um die Bühne, sondern auch sämtliche Mitwirkende in einer Art religiösen Prozession, bei der Weihrauch verströmt wird. Und Regisseur Kay Voges kreist mit. Seine Arbeit ist nicht mit der Premiere beendet – er führt Live-Regie, gibt den Schauspielern per Fingerzeig Anweisungen.

Das Schauspiel sagt eingangs, es gebe an diesem Stück nichts zu verstehen – genauso, wie man das Leben selbst nicht verstehen könne. Und doch streift es viele existentielle, philosophische Fragen: die nach den in den Wahnsinn führenden immerwährenden Wiederholungen in unserem Alltag und dem Sinn dahinter, die nach absurden Regeln, an die man sich zu halten hat – bis sie über Bord geworfen werden. Die nach Mitleid und Mitgefühl füreinander oder dem genauen Gegenteil. Man könnte an dieser Stelle vermutlich noch lange weitermachen und würde doch nicht die gesamte Komplexität dieser herausragenden Theaterproduktion erfassen.

Wer behauptet, er interessiere sich für das Dortmunder Schauspiel, der muss „Die Borderline-Prozession“ gesehen haben.

Andreas Schröter


Besetzung:

§ Mit: Andreas Beck, Ekkehard Freye, Frank Genser, Caroline Hanke, Marlena Keil, Bettina Lieder, Eva Verena Müller, Peer Oscar Musinowski, Uwe Rohbeck,Uwe Schmieder, Julia Schubert,Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth

§ Studierende des 3. Studienjahrgangs der Folkwang Universität der Künste: Paulina Alpen, Amelie Barth, Carl Bruchhäuser, Thomas Kaschel, Nils Kretschmer, Anja Kunzmann, Lorenz Nolting, David Vormweg, Michael Wischniowski, sowie Raafat Daboul

§ Live-Kamera: Jonas Schmieta

§ Dolly Grib: Tobias Hoeft

§ Regie: Kay Voges

§ Director of Photography: Voxi Bärenklau

§ Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch

§ Kostüme: Mona Ulrich

§ Komposition / Live-Musik: T.D. Finck von Finckenstein

§ Video-Art / Live-Schnitt: Mario Simon

§ Live-Texting: Alexander Kerlin

§ Live-Sound: Joscha Richard

§ Dramaturgie: Dirk Baumann,Alexander Kerlin

§ Licht: Sibylle Stuck

§ Ton: Gertfried Lammersdorf, Jörn Michutta, Andreas Sülberg

§ Coding: Lucas Pleß

§ Regieassistenz: Wiebke Rüter, Maximilian Steffan

§ Bühnenbildassistenz: Ronny Wollmann, Clara Hedwig

§ Kostümassistenz: Vanessa Rust

§ Video-Assistenz: Joscha Richard

§ Inspizienz: Tilla Wienand

§ Soufflage: Ginelle Lindemann

§ Regiehospitanz: Philipp Rose, Ruth Ziegler

§ Dramaturgiehospitanz: Agnes Otto

§ Video-Hospitanz: Tobias Hoeft, Julia Schubeius

www.theaterdo.de



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