Samstag, 12. März 2016

Musiktheater: "Next to Normal" ist eine gelungene Auseinandersetzung mit einem ernsten Thema

Szene aus "Next to Normal"
Foto: Björn Hickmann (Stage Picture GmbH)
„Next to Normal“, das derzeit am Theater Dortmund läuft, ist ein ungewöhnliches Musical. Es gibt weder sprechende Tiere, noch Züge, die um die Wette fahren – dafür aber echte Menschen mit echten Problemen. Und das ist wohltuend. Konkret geht es um eine Frau – Diana –, die den Tod ihres Sohnes vor zig Jahren nicht verkraftet und eine schwere bipolare Störung herausgebildet hat: himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt.

Passen solche schweren Stoffe zum leichtgewichtigen Genre Musical? Ja, tun sie. Dianas Krankheit hat viel mit Emotionen zu tun, und um Emotionen geht es schließlich auch in der Musik. Und warum sollte sich ein Genre nicht weiterentwickeln dürfen, zeitgemäßer und – ja – intelligenter werden?

In dem unter anderem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Werk von Tom Kitt und Brian Yorkey ordnet sich die Musik der Handlung unter. „Next to Normal“ ist viel näher am Schauspiel als andere Produktionen des Genres. Das hat positive wie negative Folgen: Kein Song bleibt so stark in Erinnerung, dass man ihn zehn Minuten nach Ende des Stücks nachträllern könnte, andererseits wird die – ernste – Handlung nicht durch eine allzu dominante Musik erdrückt. Sie unterstützt vielmehr die unterschiedlichen Stimmungen im Handlungsverlauf – und das durchaus gelungen. Auf der Bühne in Dortmund kommt diese Rollenverteilung auch optisch zum Tragen: Die Musiker sitzen irgendwo im Bühnenhintergrund, die Sänger agieren vorne auf dem abgedeckten Orchestergraben. Das schafft Nähe zum Publikum.

Kurz zur Handlung: Man merkt schnell, dass die Goodmans, bestehend aus Mutter Diana (Maya Hakvoort), Vater Dan (Rob Fowler), Sohn Gabe (Johannes Huth) und Tochter Natalie (Eva Rades), keine ganz so glückliche Familie sind, wie es zunächst den Anschein hat. Gabe lebt gar nicht mehr, er ist bereits im Alter von acht Monaten an einem Darmverschluss gestorben. Er spukt lediglich – und zwar jetzt als Teenager – im Kopf der psychisch kranken Mutter herum. Und weil sie darüber Natalie vernachlässigt, kommt es zu Mutter-Tochter-Problemen. Auch Natalies Verehrer Henry (Dustin Smailes) gelingt es nur schwer, ihren Panzer aufzubrechen. Als Dianas Probleme nach einem Selbstmordversuch immer schlimmer werden, schlägt ihr Arzt (Jörg Neubauer) eine Elektrokonvulsionstherapie vor. Aber die hat nicht nur positive Folgen …

Beim gelungenen Bühnenbild setzen Regisseur Stefan Huber und sein Team auf eine Art aufgeschnittenes Puppenhaus, bei dem die Sänger, die in dieser Produktion auch viel schauspielerisches Können zeigen müssen – und es tun –, in mehreren Zimmern agieren können.

„Next to Normal“ ist ein kurzweiliges Stück, das im ersten Moment vielleicht ungewohnt für ein Musical ist, traditionelle Seh- und Hörgewohnheiten konterkariert. Zuschauer, die die genretypische leichte Unterhaltung mit viel Flitter und womöglich seligen Walzerklängen a la Johann Strauß oder – moderner – Andrew-Lloyd-Webber-Ohrwürmern erwarten, könnten enttäuscht und ob der Schwere des Stoffes sogar abgeschreckt sein. Doch wer sich darauf einlässt, erkennt schnell, dass diese Produktion viel mehr bietet als bloße Unterhaltung: eine psychologisch glaubwürdige Auseinandersetzung mit einem Stoff, der mitten aus dem Leben gerissen scheint.

Die Zuschauer in Dortmund waren in der zweiten Vorstellung am 11. März hellauf begeistert. Geschlossen sprangen sie nach dem letzten Ton auf, um dem Ensemble minutenlang Standing Ovations und Bravo-Rufe zukommen zu lassen. Ein Abend, den man sich keinesfalls entgehen lassen sollte.

Andreas Schröter


An dieser Produktion sind außer den Genannten beteiligt:

Musikalische Leitung: Kai Tietje
Bühne: Timo Dentler, Okarina Peter
Kostüme: Susanne Hubrich
Choreografie: Danny Costello
Sound-Design: Marc Schneider-Handrup
Dramaturgie: Wiebke Hetmanek
Regieassistenz: Johannes Hebsacker
Bühnenbildassistenz: Leif-Erik Heine
Kostümassistenz: Emine Güner
Studienleitung: Luca de Marchi
Probenrepetition: Rupert Schnitzler
Inspizienz: Alexander Becker, Ulas Nagler
Soufflage: Adriana Naldoni

www.theaterdo.de

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