Samstag, 27. Februar 2016

"Wilhelm Tell": KJT gelingt erneut der Spagat zwischen Lehrauftrag und Unterhaltung

Szene kurz vor dem Apfelschuss mit Philip Pelzer, Rainer
Kleinespel und Andreas Ksienzyk. Foto: Hupfeld
Es gibt Menschen, die haben bei Schillers Drama „Wilhelm Tell“ nicht nur positive Assoziationen. Erinnerungen an quälend langweilige Deutschstunden in der Mittelstufe werden wach. Geht es da nicht um irgendeinen Bauernaufstand in der Schweiz vor Hunderten von Jahren, der rein gar nichts mit meinem Großstadt-Leben im Jahre 2016 in Dortmund zu tun hat?

Es ist dem Kinder- und Jugendtheater, das Freitag an der Sckellstraße Premiere mit eben diesem uralten Stoff feierte, hoch anzurechnen, dass es die Geschichte um Apfelschuss und Ruetli-Schwur unter der Regie von Johanna Weißert gründlich entschlackt und mit einer gehörigen Portion Humor versieht. So wirkt der verstaubte Stoff wieder frisch und lebendig, ohne seine Aussage und seine Gesamt-Atmosphäre zu verlieren - auch deshalb, weil Schillers Originalsprache erhalten bleibt. Schauspieler Andreas Ksienzyk verliest zu Anfang eine ellenlange Liste derjenigen Figuren, die (theoretisch) ebenfalls mitspielen. Heißt: Bei Schiller kommen sie zwar vor, aber wir haben sie gestrichen. Gottseidank, möchte man als Zuschauer antworten.

Johanna Weißert und ihr Team setzen beim Bühnenbild auf einige dicke Holzstämme, auf denen die Schauspieler agieren. Das passt: Sofort fühlt man sich in eine waldreiche, dörfliche Umgebung irgendwo in den Alpen vor ein paar hundert Jahren versetzt. Höhepunkt der Aufführung ist natürlich der berühmte Apfelschuss. Und den kriegt das KJT-Team per Tricktechnik ausgesprochen gut hin: Das gesamte Publikum zuckt zusammen und denkt: Was war das denn? Hat Rainer Kleinespel in der Titelrolle tatsächlich eben per Armbrust einen Pfeil in Richtung Philip Pelzer, der seinen Sohn Walter spielt, abgeschossen? Dickes Kompliment für diese Szene.

Running Gag der Inszenierung sind einige Alphörner, die immer mal wieder zum Einsatz kommen. Offen gestanden: Würden die Tröten einen Tick seltener erklingen, wäre es auch nicht schlimm. Im Gegenteil.

Insgesamt aber eine gelungene Inszenierung, die einmal mehr den Spagat schafft: Sowohl ambitionierte Deutschlehrer mit Lehrauftrag und pädagogischem Anspruch können mit ihren Klassen oder Kursen hineingehen, weil Schillers Intention erhalten bleibt, als auch Menschen, die gerade nicht den Schiller in der Schule haben, sondern einfach nur einen schönen Theaterabend erleben wollen. Bekanntlich gibt es in Dortmund viele Erwachsene, die gerade diese Klassiker-Inszenierungen im KJT schätzen, weil sie so anschaulich und unterhaltsam sind.

Neben den genannten Schauspielern wirken Bettina Zobel, Talisa Lara und Thorsten Schmidt mit, für Bühne und (herrlich altertümlich-bäuerliche) Kostüme ist Ulrich Leitner zuständig, für die Musik Peter Kirschke. Dramaturgin ist Ilona Seippel-Schipper.

Andreas Schröter

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