Sonntag, 14. Februar 2016

"Faust I - Gewissen!" ist ein rauschhafter Ballettabend

Szene aus "Faust I - Gewissen!"
Foto: Bettina Stöß / Stage Picture 
Nach dem „Zauberberg“ im vorigen Jahr hat sich Dortmunds Ballett-Chef Xin Peng Wang an einen weiteren Klassiker der Weltliteratur gewagt: Goethes Faust. Unter dem Titel „Faust I – Gewissen!“ ist dabei ein bildgewaltiger, schlicht grandioser Ballettabend entstanden, den man vermutlich mehrmals gesehen haben muss, um ihn in all seinem Detailreichtum zu erfassen.

Am Anfang steht ein einsamer Mephisto (Dann Wilkinson), der mit einem Eimer am Fuß kämpft: Xin Peng Wang hat aus dem sprichwörtlichen Pferdefuß des Teufels eine kleine witzige und fürs Ballett ungewöhnliche Eingangs-Choreographie gemacht: Originell. Sodann tut sich der gesamte Ausstattungsreichtum, die gesamte überbordende Opulenz dieser Produktion auf: Man sieht den prachtvollen Kostümen (verantwortlich Bernd Skodzig) von Engeln und Teufeln an, wieviel Arbeit die Kostümabteilung des Theaters damit gehabt haben muss. Hinzu kommt das Bühnenbild von Frank Fellmann, der auch schon für den Zauberberg verantwortlich war, mit einem gigantischen Spiegel, der sich über die Tänzer senkt. Durch ihn sieht das Publikum nicht nur die Akteure von oben – der Spiegel selbst mit seinem kunstvoll mit lebensgroßen menschlichen Figuren ausgestatteten Rahmen ist eine (düstere) Augenweide – ein dickes Lob an die Theaterwerkstatt! Auch einige dezent eingesetzte Videos (Frank Vetter) kommen zum Einsatz. Sie zeigen Bilder aus dem späten Mittelalter mit sich verschiebenden und verzerrenden Perspektiven. Das zieht die Zuschauer atmosphärisch in jene dunkle Zeit Anfang des 16. Jahrhunderts, in der der Alchemist Johann Georg Faust, auf den Goethes Erzählung zurückgeht, gelebt hat.

Xin Peng Wang gelingt mit dieser Produktion ein weiteres Mal der Beweis, dass die Überführung eines Werkes von einer Kunstgattung (hier Literatur) in eine andere (hier Tanz) möglich ist und nach der Transformation weiter funktionieren kann. Gespannt wie bei einem Thriller erlebt man als Zuschauer den Handlungsfortgang um Margarethe (Barbara Melo Freire), Mephisto und den jungen Faust (Javier Cacheiro Alemán) – bis zu Gretchens traurigem Ende, das einen weiteren optischen Höhepunkt des Abends bildet, und bei dem rote Farbbeutel wirkungsvoll zum Einsatz kommen.

Tänzerisch und musikalisch passt dieser Abend perfekt zum Stoff. Xin Peng Wang lässt seine – wie immer in der Dortmunder Compagnie – hervorragenden Tänzer mal langsam wie in Slow Motion um einander kreisen, mal in wilder Hatz wie die Derwische über die Bühne jagen. Das hat manchmal nur noch wenig mit klassischem Ballett a la Nussknacker und Schwanensee zu tun. Und das ist gut so, denn das Ballett braucht solche Weiterentwicklungen.

Für die Musik sind die gut aufgelegten Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philip Armbruster zuständig. Sie haben es an diesem Abend vorwiegend mit Musik von Henryk Mikolaj Górecki zu tun. Aber weil Xin Peng Wang die Vielseitigkeit, die ihm vorschwebte, nicht durch einen Komponisten allein abdecken konnte, kommt auch andere Musik vor, zum Beispiel Minimal Techno von Super Flu oder sogar ein wie Faust aufs Auge passender Song von Rammstein („Ich will“), der vom Publikum besonders gefeiert wird.

Insgesamt ein rauschhafter, überaus gelungener Ballettabend, der Lust auf das nächste Jahr macht, wenn sich Xin Peng Wang „Faust II“ vornimmt.

Andreas Schröter

www.theaterdo.de

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