Sonntag, 17. Januar 2016

"Die Reise nach Petuschki" im Schauspiel: Uwe Rohbeck in Höchstform

Uwe Rohbeck in "Die Reise nach Petuschki" Foto: Hupfeld
Einen Uwe Rohbeck in Topform erlebten die Zuschauer am Samstag bei der Premiere von Wenedikt Jerofejews „Die Reise nach Petuschki“ im Schauspielstudio. Es ist immer wieder erstaunlich, welche unterschiedlichen Gefühlswelten dieser Mann durch seine bloße Mimik zum Ausdruck bringen und welche Stimmungen er heraufbeschwören kann. In einer Szene vergießt er sogar echte Tränen. Wie geht das auf Kommando? Hatte er irgendwo eine aufgeschnittene Zwiebel versteckt?

In diesem Ein-Schauspieler-Stück, das 1973 zum ersten Mal veröffentlicht worden ist, reist Wenja von Moskau nach Petuschki, wo er seinen Sohn und seine Geliebte zu treffen hofft. Unterwegs genehmigt er sich einen Wodka nach dem anderen. Manchmal sind es auch fantasievolle Eigenkreationen – halb Wodka, halb Rotwein – die er zu sich nimmt. Die Folgen sind absehbar: Wenja wird immer betrunkener – und kommt nie in Petuschki an. Kurz vor dem Ende der Fahrt – wieder in Moskau – spielt ihm der Alkohol immer mehr Streiche. So begegnet er einer Sphinx, die ihm ein unlösbares Rätsel stellt, oder den apokalyptischen Reitern.

„Die Reise nach Petuschki“ ist lustig – zum Beispiel wenn Wenja die Katastrophen und Schicksalsschläge, die einen Menschen im Laufe seines Lebens ereilen, mit einem schlichten Schluckauf vergleicht. Man weiß nicht, wann er kommt und wann er wieder geht. Oder wenn er sich fragt, was er denn wohl beim Gang über eine bestimmte Brücke getrunken haben mag, „denn man kann ja schlecht über eine Brücke gehen, ohne etwas zu trinken“.

Aber es hat natürlich auch einen ernsten Hintergrund, wenn Wenja sagt: „Das also haben mir die Leute gegeben als Ersatz für jenes, wonach mein Herz sich sehnt!" Eine deutliche Kritik an den tristen Zuständen in der Sowjetunion zur Zeit der Entstehung des Textes, weswegen er dort auch zunächst nur als Untergrundliteratur weitergereicht werden konnte. Diesen gesellschaftskritischen Aspekt des Stückes vermittelt gut das Bühnenbild, für das Tobias Schunck verantwortlich war: die Ansicht eines vollkommen trostlosen Stadtbildes in Form eines abgerissenen Plakats.

Sympathisch an dieser nur etwas über eine Stunde dauernden Inszenierung von Katrin Lindner (ihre erste Regiearbeit am Schauspiel Dortmund) ist, dass sie gänzlich ohne Flaschen und weitgehend ohne die üblichen lallenden und schwankenden Darstellungen von Betrunkenen auskommt. Uwe Rohbeck gelingt es auch ohne diese oft bemühten Zutaten, den Zustand der Hauptfigur glaubhaft rüberzubringen. Am Ende gibt’s den verdienten langen Applaus.

Übrigens: Mittlerweile gibt’s in Moskau auf dem Platz des Kampfes sogar ein Denkmal für den Roman von Wenedikt Jerofejew.

Andreas Schröter

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