Sonntag, 25. Oktober 2015

Schwelgen in menschlichen Abgründen: "Eine Familie" im Schauspiel

Szene aus "Eine Familie" mit (v.l.) Bettina Lieder,
Julia Schubert und Merle Wasmuth. Foto: Hupfeld
Seit Samstag hat das Schauspiel einen Dreieinhalb-Stunden-Koloss im Programm: „Eine Familie“ nach dem mehrfach ausgezeichneten Bühnenstück „August: Osage County“ von Tracy Letts aus dem Jahre 2007, das 2013 (u.a. mit Meryl Streep und Julia Roberts) auch verfilmt worden ist.

Nachdem der alkoholabhängige Beverly (Andreas Beck) verschwunden ist, ruft seine tablettenabhängige und von Krebs befallene Frau Violet (Friederike Tiefenbacher) die Familie zusammen. Das sind die drei Töchter Barbara, Karen (beide mit Anhang) und Ivy sowie Schwester Mattie Fee mit Anhang. Doch das Wiedersehen wird alles andere als harmonisch. Verschüttete Konflikte kommen ans Tageslicht, Geheimnisse werden gelüftet, und mehr und mehr wird klar, wie zutiefst zerrüttet diese Familie ist.

Regisseur Sascha Hawemann inszeniert diesen Stoff für Dortmunder Verhältnisse fast klassisch. Er setzt Videos nur dezent ein, und auch das Bühnenbild mit einer Reihe von Sesseln und einem mit Klarsichtfolie umspannten Holzgestell kommt eher spartanisch daher. Es wirkt fast unfertig und ein wenig deprimierend und unterstreicht damit den desaströsen Zustand der Familie. Havemann verlässt sich in erster Linie auf die Schauspielkunst seines Teams. Und dass er da auf jede Menge Können bauen kann, ist nicht erst seit dieser Produktion bekannt. Vor allem Friederike Tiefenbacher und Merle Wasmuth scheinen die Rollen der Violet beziehungsweise der Tochter Barbara auf den Leib geschrieben zu sein. Einmal mehr erstaunt es, wie überzeugend und mit welchem körperlichen Einsatz die beiden zu Werke gehen. Auch dem neuen Mitglied im Dortmunder Ensemble, Marlena Keil, gelingt die Darstellung der wild pubertierenden 14-jährigen Enkelin Jean äußerst glaubhaft.

Für eine ebenfalls dezente musikalische Untermalung sorgt Alexander Xell Dafov.

Auch wenn diese Produktion vielleicht letztlich nicht ganz so beeindruckend, mitreißend und überraschend daherkommt wie ein Stück aus dem Jahre 2013 zu einem ähnlichen Thema unter der Regie von Kay Voges, „Das Fest“, bietet „Eine Familie“ mit seinem Schwelgen in menschlichen Abgründen doch einen sehr sehenswerten Theaterabend, der trotz seiner Länge an keiner Stelle langweilig wird.

Andreas Schröter

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