Sonntag, 13. September 2015

"Glückliche Tage / Das letzte Band" im Schauspiel: Eine lange Bootsfahrt in den Tod

Szene aus "Glückliche Tage" mit Merle Wasmuth
Foto: Birgit Hupfeld
Nach Kay Voges‘ beeindruckender „Endspiel“-Inszenierung aus dem Jahre 2012 geht’s am Schauspiel Dortmund in dieser Spielzeit weiter mit Samuel Beckett. Regisseur Marcus Lobbes („Die Perser“, „Gott des Gemetzels“, „Autschland d’Amour“) führt gleich zwei kurze Stücke des Iren (ohne Pause) im Studio zusammen: „Glückliche Tage“ und „Das letzte Band“. Beide Stücke verbindet, dass alte oder ältere Menschen auf ihr Leben zurückschauen.

Weil „Glückliche Tage“ fast ausschließlich aus einem langen Monolog besteht und so gut wie keine Handlung aufweist, stellt der Stoff gewisse Herausforderungen an einen Regisseur. Er muss Reize schaffen, um das Publikum bei der Stange zu halten. Lobbes gelingt das, indem er seine Winnie (Merle Wasmuth) auf ein Boot legt, das im Laufe des Abends im Zeitlupentempo auf einen Berg mit Totenschädeln zutreibt. Diese Botschaft ist eindeutig – und optisch eindrucksvoll. Lobbes weicht damit allerdings vom Original ab. Bei Beckett ist es ein Erdhügel, in dem Winnie langsam versinkt.

Die Zuschauer sehen die lange Bootsfahrt durch eine Scheibe, die sich je nach Lichteinfall auch in einen Spiegel verwandeln kann, durch den die Zuschauer sich selbst sehen. Auch Willie (Ekkehard Freye), Winnies Ehemann, der ein paar wenige Worte und manchmal auch nur Gegrunze zum Stück beiträgt, agiert auf der Publikumsseite und ist somit von Winnie getrennt. Das schafft genau die Distanz, die zwischen den Ehepartnern herrscht. Inhaltlich geht’s um eine ältere, offenbar bewegungsunfähige Frau, die über ihr Leben und dieses und jenes räsoniert. Immer wieder versucht sie, ihren offenbar dementen Mann in ein Gespräch zu verwickeln oder wenigstens zu einer Antwort zu animieren. Gelingt das in Ansätzen, spricht sie davon, dass es wieder „ein glücklicher Tag gewesen sein wird“. Diese krasse Diskrepanz zwischen der so offensichtlichen körperlichen und geistigen Not des Ehepaars und Winnies Selbstsuggestion bietet einen Teil des Reizes dieses Stücks.

Wer Becketts „Glückliche Tage“ kennt und sich als Zuschauer in eine entsprechende Inszenierung begibt, weiß, dass es kein uneingeschränkt leichter und beschwingter Abend werden kann. Das ist schon Theaterstoff der etwas zäheren und härteren Sorte. Insgesamt gelingt es Lobbes aber gut, diese doch gelegentlich schwere Kost für den Zuschauer verdaulich umzusetzen. Ein dickes Lob gebührt der textsicheren Merle Wasmuth, auch wenn ihre Jugend nicht hundertprozentig zur Figur der Winnie passt.

Nach etwas mehr als einer Stunde geht das Geschehen vor der Spiegelwand unvermittelt in ein anderes Stück von Samuel Beckett über: „Das letzte Band“. Ekkehard Freye spielt den alternden Schriftsteller Krapp, der sich ein 30 Jahre altes Video-Tagebuch von sich selbst ansieht und immer wieder den Kopf schüttelt über das, was sein jüngeres Selbst da so von sich gibt. Hier kommt die am Schauspiel Dortmund so beliebte Videotechnik sehr schön zum Einsatz. Der Zuschauer sieht auf einer Riesenleinwand den jungen Krapp und davor – im Spiegel – den alten, der über sich selbst den Kopf schüttelt – eine sehr reizvolle Mini-Inszenierung.

Übrigens: „Glückliche Tage“ hat’s vor gar nicht allzu langer Zeit schon mal am Schauspiel Dortmund gegeben – vor fünf Jahren in einer der letzten Inszenierungen der Gruner-Ära, damals mit Barbara Blümel als Winnie und Claus Dieter Clausnitzer als Willie.

Andreas Schröter

Tickets: www.theaterdo.de




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