Montag, 24. August 2015

Schauspiel: "Die Show" lotet die Grenzen des Machbaren aus

Szene mit Frank Genser und Julia Schubert.
Foto: Hupfeld
Nach der Premiere von „Die Möglichkeit einer Insel“ Ende März mussten die Dortmunder Schauspielfans lange auf ein neues Stück warten. Dafür werden sie jetzt mit einem theatralen Drei-Stunden-Kracher belohnt, der an die Grenzen dessen zu gehen scheint, was Theater überhaupt für eine einzige Produktion imstande ist zu leisten. Von Machart und Professionalität her kann das Ergebnis locker mit teuren Samstagsabend-Fernsehproduktionen mithalten: „Die Show“ unter der Regie von Kay Voges hatte Sonntagabend Premiere.

Inhaltlich geht‘s um eine konsequente Weiterentwicklung solcher TV-Formate wie „Deutschland sucht den Superstar“, „Germany‘s next Topmodel“ oder „Dschungelcamp“: Ein Kandidat wird eine Woche lang von einem Killerkommando durch die Stadt gehetzt. Überlebt er, erhält er eine Million Euro, gelingt es dem Killerkommando ihn zu töten, erhalten dessen Mitglieder das Geld.
Die Message des Abends ist klar: Solche Fernsehsendungen sind menschenverachtend, und dennoch schalten die Zuschauer ein.

Aber um die Message geht‘s an diesem Abend nur in zweiter Linie. Im Mittelpunkt steht die überbordende Fülle an Sinneseindrücken, die diese Produktion auf die Zuschauer loslässt und die schier unglaublich ist: „Das ist im Theater möglich?“, fragt man sich, obwohl man in Dortmund durch Produktionen wie „Das Fest“, "Der Meister und Margarita“ oder auch Kay-Voges’ Tannhäuser-Inszenierung bereits einiges gewohnt ist.

„Die Show“ toppt all diese Inszenierungen: Sie ist allerbeste Unterhaltung, die dazu führt, dass man drei Stunden lang mit vor Staunen offenem Mund im Theatersessel sitzt und nicht merkt, wie die Zeit vergeht. Nur ganz am Rande - und man verdrängt es auch lieber ganz schnell wieder - stellt man dabei übrigens fest, dass man sich gerade offenbar selbst von dieser Art der Unterhaltung faszinieren lässt, eine Haltung, die das Stück doch gerade kritisiert. Ein kleines Paradoxon.

Man glaubt sofort, dass diese Produktion einen Vorlauf gebraucht hat, der ganz weit in die vorige Spielzeit hineinragt. Es gibt vorproduziertes Videomaterial zu Hauf, es gibt beste Sprüche von dem wunderbar schmierigen Moderatorenteam Frank Genser und Julia Schubert, „Live-Schalten“ zu den Außenmoderatoren Carlos Lobo und Merle Wasmuth, es gibt perfekt vorgetragene Gesangsnummern von Eva Verena Müller und und und ...

Man weiß kaum, was man an dieser Fülle, an der mehr oder weniger das gesamte Schauspiel-Team beteiligt ist, zuerst loben soll: den einsatzfreudigen, weil um sein Leben rennenden Frank Kuschmann, das herrlich fiese Killerkommando mit Andreas Beck (im Disco-Türsteher-Look), Björn Gabriel (als irren Kinski-Verschnitt) und Bettina Lieder (als eiskalte Russen-Amazone) oder vielleicht einen der Video-Einspieler: zum Beispiel Ekkehard Freye als splitterfasernackter Oberbürgermeister Ullrich Sierau vor dem Rathaus.

Auch eine Experten-Runde mit Ekkehard Freye und Björn Gabriel soll hier nicht unerwähnt bleiben, weil sie ein wenig Medienschelte übt. Durch ihre permanenten Aufgeregtheiten schaffen die Medien erst eine Gesellschaft, die nach immer extremeren Reizen giert, heißt es da. Das kann schon sein.

Man könnte hier noch ewig lange weiterschreiben und loben - stattdessen möchte ich einfach eine Empfehlung aussprechen: So schnell wie möglich Karten kaufen und reingehen.


Andreas Schröter

Infos und Tickets: www.theaterdo.de

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