Donnerstag, 13. August 2015

Depot: Fotoausstellung von Andreas Hub und „Doc“ Martin Müller

Vom 14. bis 23. August 2015 ist die Fotoausstellung „Martin Müller: Auf Augenhöhe – Andreas Hub: Hier geht´s zum Doc“ im Kulturort Depot zu sehen.

In Deutschland leben 100.000 Menschen ohne Krankenversicherung: Menschen ohne Wohnung, Junkies, Prostituierte, aus Südosteuropa zugewandert, in der Illegalität lebend. Viele sind akut oder chronisch krank, bekommen aber keine medizinische Hilfe, gelten als "nicht praxiskompatibel".

Von 2008 bis 2014 leistete der Arzt "Doc" Martin Müller Hilfe: kostenlos, ohne Ansehen der Person, ohne Wertung. An zehn Orten in der Dortmunder Nordstadt behandelte er seine Patienten: im Café Berta, in der Beratungsstelle für Wohnungslose, in der Methadon-Ambulanz, im Nordmarkt-Kiosk, in der Suppenküche, der Männerübernachtungsstelle Unionstraße oder im Streetwork-Café Leopoldstraße.

Martin Müller bat seine Patienten um ein ungekünsteltes Porträt. Auszüge aus diesem Projekt werden in großformatigen Schwarz-Weiß-Abzügen gezeigt.

Der Fotojournalist und Autor Andreas Hub begleitete "Doc" Müller im letzten Jahr vor dessen Ruhestand. Die Reportage wurde in der TAZ und im Straßenmagazin BODO veröffentlicht und ins "Pixelprojekt_Ruhrgebiet" aufgenommen.

Martin Müller zu seinen Portraitaufnahmen:

Die Portraits, die hier gezeigt werden, sind eine Auswahl aus 691 Aufnahmen, die zwischen November 2011 und Februar 2014 im Rahmen des „Modellprojektes mobiler medizinischer Dienst für Wohnungslose und Menschen in besonderen sozialen und gesundheitlichen Notlagen“ entstanden sind. In Dortmund wird dieses Projekt vom Sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamtes getragen, es beruht auf einem landesweiten Umsetzungskonzept zur Versorgung Obdachloser. Ähnliche Projekte existieren in Köln, Essen, Bielefeld, Münster, Hagen und anderen Städten.

Die Bilder zeigen Menschen, die den mobilen Dienst zur Behandlung oder Beratung aufgesucht haben, und sind gegen Ende der jeweiligen Begegnung mit dem Einverständnis der Dargestellten zunächst spontan und absichtslos entstanden, es wurden keine Arrangements, Beleuchtungs- oder sonstige Vorbereitungen vorgenommen, sie sind an den jeweiligen Behandlungsorten aufgenommen.

Die Idee, diese Bilder im Rahmen einer Ausstellung zu zeigen, entstand erst später, auch weil viele, die diese Bilder gesehen haben, mich dazu ermutigt haben. Den dargestellten Personen wurde zugesagt, keinerlei zur möglichen Identifikation taugliche Beschreibungen oder Kommentare zu verwenden, auch eine Veröffentlichung via Internet in jeglicher Form wurde ausgeschlossen. In Ergänzung zu den Portraits habe ich vor der Ausstellung Interviews geführt, um den Alltag und die persönliche Lage betroffener Personen zu beleuchten. Alle Zitate stammen zwar aus dem beschriebenen Personenkreis, haben aber keinen Bezug zu den dargestellten Personen.

Der Arbeitstitel „Auf Augenhöhe“ wurde gewählt, um die Art der Begegnung deutlich zu machen. Es sind Obdachlose, Wohnungslose, Prostituierte, Drogenabhängige, sogenannte Illegale und andere, um die wir im gewöhnlichen Leben gerne einen Bogen machen oder die wir aus unserem Bewusstsein ausblenden, Menschen, die unter uns, in der Nordstadt, leben – auf Augenhöhe.

Andreas Hub über seine Reportage:

In einer Vorweihnachtsausgabe der Westfälischen Rundschau hatte ich die Geschichte von dem Dortmunder Arzt gelesen, der den Wohnungslosen hilft. Sowas kommt immer gut um diese Jahreszeit. Ich rief ihn an, erklärte, dass ich ihn für einige Monate bei seiner Arbeit begleiten wollte. Unaufgeregte, ruhige Stimme am anderen Ende. Nicht enthusiastisch, aber auch nicht von vornherein ablehnend. Als wir uns zum ersten Mal in seinem Büro in der Methadon-Ambulanz trafen, war es kalt draußen. Drinnen roch es nach starkem Kaffee und selbstgedrehten Zigaretten, ein Geruch, der mich von nun an begleiten würde. An der Wand hing eine Collage mit Hunderten von kleinen Porträtfotos, die er im Laufe der Jahre von Menschen gemacht hatte, die er behandelte. Klienten, sagte er, nie: Patienten. Umgekehrt nannten sie ihn immer nur "Doc", in einer Mischung aus Respekt und Kumpelhaftigkeit.

Einige Tage später fing ich an, mit etwas mulmigen Gefühl, ob sich die Menschen von einem vollkommen Fremden überhaupt fotografieren lassen würden. Diese Sorge legte sich schnell. Nur zwei- oder dreimal lehnte jemand ab: ein Junkie, der aus einer anderen Stadt kam, und dort eine bürgerliche Existenz mit Arbeitsplatz und fester Wohnung führte und auf keinen Fall erkannt werden wollte, ein anderes Mal, gleich zu Anfang, geriet ich in ein "Verkaufsgespräch". Die allermeisten dagegen zeigten großes Interesse, ihre Geschichte zu erzählen und auch veröffentlicht zu sehen.

Die Texte stammen aus meiner Reportage in der TAZ vom 28. Februar 2014.

Ausstellung:

„Martin Müller: Auf Augenhöhe – Andreas Hub: Hier geht´s zum Doc“

Laufzeit Ausstellung:

FR 14. bis SO 23. August 2015

Öffnungszeiten:

MI - SA: 17.00 – 20.00 Uhr

SO: 11.00 – 18.00 Uhr

Eintritt:

frei

Ort: Kulturort Depot, Immermannstraße 29, 44147 Dortmund

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