Samstag, 25. Juli 2015

HMKV: Animierte gifs und "under construction"

Eine Leinwand mit animierten gifs. Foto: Schröter
Beim Hartware MedienKunstVerein auf der dritten Etage des U-Turms blinkt und blitzte es in allen Farben des Regenbogens. Es gibt jede Menge Kätzchen, Einhörner, animierte gifs und Homepages „under construction“. Für die neue HMKV-Ausstellung „Digitale Folklore“, die Freitagabend eröffnete, sind die Kuratoren Olia Lialina und Dragan Espenschied mit den Studenten der Merz Akademie in Stuttgart zu den Anfängen des Internets in den 90er-Jahren zurückgegangen, als es noch kein Facebook oder Twitter gab – als man sich Websites noch aufwändig selbst erstellen musste. Das in der Ausstellung gezeigte Material stammt vom Dienst GeoCities, der 1994 gegründet wurde und über den man erstmals seine eigenen Homepages ins Netz stellen konnte. 1999 wurde er von Yahoo gekauft, 2009 geschlossen. Hätten die Kuratoren das Material nicht zuvor gesichert, wäre es unwiederbringlich verloren gewesen.

Das wäre in dem einen oder anderen Fall nicht so schlimm gewesen, mag sich so mancher heute denken – aber es macht auch Spaß und ist lustig, sich die schon nach so wenigen Jahren fast historisch anmutende Ästhetik der Anfangsjahre im Web noch einmal anzuschauen: die Anarchie der freien Gestaltung und des schlechten (grafischen) Geschmacks. Auch das hat was.

Die Ausstellung kann man als eine Art Fortführung der HMKV-Sommerausstellung vom vorigen Jahr sehen. „Jetzt helfe ich mir selbst!“ hieß es damals. Und auch da ging es um Webfilmchen, die die User selbst ins Netz gestellt hatten nach dem Motto: „Wie repariere ich einen Opel Kadett?“, „Wie esse ich eine Pizza?“ oder „Wie schäle ich eine Tomate?“ Denn – und das ist die Ansicht von Kuratorin Olia Lialina: „Computer- und Netzkultur werden nur von einem kleinen Teil von technischen Innovationen geprägt. Ausschlaggebend ist, wer sie benutzt. Allein durch die User gewinnt Computertechnologie überhaupt an kultureller Bedeutung.“

Kurator Dragan Espenschied, der frisch aus New York eingeflogen war, machte dem HMKV in seiner Begrüßungsansprache ein schönes Kompliment. Es sei schwer, digitale Inhalte in einem ganz normalen Raum zu präsentieren, aber so wie das beim HMKV gelöst werde, habe das Weltniveau. Kleine Ansprachen zur Eröffnung gab’s auch von Olia Lialina, U-Turm-Chef Kurt Eichler, der viele humorvolle Aspekte sah, und HMKV-Chefin Dr. Inke Arns, die sich gegen den möglichen Vorwurf wehre, die Ausstellung sei naiv oder unpolitisch. Es sei schließlich in den 90er-Jahren eine große Herausforderung gewesen, seine eigene Homepage zu erstellen.

„Digitale Folklore“ ist bis 27. September zu sehen.

Andreas Schröter



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