Sonntag, 3. Mai 2015

Museum für Kunst und Kulturgeschichte: Der Blick des Comics Richtung Westen

Bild: Floyd Gottfredson (1905–1986): Mickey Mouse
 (im Comic ab 1930), Sonntagsseite des Sunday Mirror
 vom 23. April 1933, Privatsammlung, © Disney
Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte schaut zusammen mit den Großen des internationalen Comics in Richtung amerikanischer Westen: "Going West" zeichnet die Geschichte nach, wie der Comic in Europa und den USA im 20. Jahrhundert den Weste(r)n für sich entdeckte.

Wer in der Ausstellung mit weit mehr als 100 Originalzeichnungen und hunderten von Originalpublikationen Cowboys und Indianer erwartet, kommt mit Klassikern wie "Lucky Luke" von Morris, "Tim in Amerika" von Hergé oder "Leutnant Blueberry" von Jean Giraud auf seine Kosten. Darüber hinaus hat die "Going West" kulturhistorisch viel zu bieten: Es waren Comiczeichner, wie George Herriman ("Krazy Kat"), James Swinnerton ("Little Jimmy") oder Frank King ("Gasoline Alley"), die als ersten Reisenden während der 1920er-Jahre die Landschaft zwischen Grand Canyon und Monument Valley für sich entdeckten. Fasziniert zollten sie dieser Erfahrung in ihren Comics Tribut: Entdeckungsreisen, die damals oft nur per Pferd zu bewältigen waren.

Die Ausstellung bietet einen interessanten Mentalitätsvergleich, denn auch europäische Zeichner schickten ihre Helden schon Jahre vor Hergés "Tim"-Album von 1931 über den Atlantik. Amerika etwa rang mit seiner Mythenbildung um die Landnahme im Westen, die verlustreicher und blutiger verlief, als man sich das eingestehen wollte, während der europäische Blick zugleich idealisierte wie desillusionierte. Europa hatte seit der französischen Aufklärung, seit Rousseau und Voltaire, die Idee des "Edlen Wilden" etabliert und idealisierte das Bild des Indianers. Gleichzeitig legte man früh den Finger in die Wunde des ungebremsten US-Kapitalismus und des Genozids an den nordamerikanischen Ureinwohnern.

"Going West" wird an vielen Stellen von dokumentarischen Vintage-Fotografien begleitet und einigen kulturhistorischen Artefakten, wie den hundert Jahre alten Kachina-Figuren der Hopis.

Auch die Entwicklung des franko-belgischen Autorencomics während der 1960er- und 1970er-Jahre wäre ohne die hervorragende Westernserien von Giraud oder Hermann ("Comanche") anders verlaufen. Der Comic und mit ihm seine Leserschaft wurden erwachsen, was sich nicht zuletzt auch in den schwarzhumorigen Parodien des MAD-Magazins widerspiegelte. Eine junge Generation von Graphic-Novel-Zeichnern beweist heute mit ganz eigenen Interpretationen, dass der Western auch im frühen 21. Jahrhundert nicht tot zu kriegen ist.

Die Ausstellung findet vom 3. Mai bis 19. Juli 2015 statt und eignet sich für Menschen jeden Alters. Dazu erscheint ein umfangreicher, reich bebilderter Katalog.

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