Samstag, 28. März 2015

Schauspiel: Originelle Ideen in „Moby Dick vs. A.H.A.B. – All Heroes are Bastards“

Szene aus "Moby Dick". Foto: Birgit Hupfeld
„Moby Dick vs. A.H.A.B. – All Heroes are Bastards“ fängt an wie das gute alte Kasperletheater. Mit Handpuppen und im typischen Guckkasten wird die bekannte Geschichte von Kapitän Ahab erzählt, der durch seinen Wahn eine ganze Mannschaft ins Verderben stürzt. Schon in dieser Phase hat Regisseurin Roscha A. Säidow von der Berliner Theater- und Puppenspielgruppe „Die Retrofuturisten“ einige sehr originelle Ideen: So veranschaulichen die Akteure das Geschehen mittels mehrerer einfacher Overhead-Projektoren, deren Bild auf drei große Stellwände projiziert wird. Die Lanze, die einen Wal trifft, ist ein einfacher roter Filzstift, der dann auch noch das Blut zeigen kann, das vom Wal ausströmt und das schließlich das Meer rot einfärbt.

Nach 20 Minuten ist der bekannte Stoff erzählt, und die Geschichte beginnt von vorn – diesmal allerdings nicht mit Puppen, sondern mit Schauspielern, die auf der Bühne agieren. Die gesamte Atmosphäre wechselt vom humorvollen Kindertheater-Ambiente ins Dunkel-Düstere. Ismael – das sind nun vier Terrorristen, die ihre Comfort-Zone langweiliger Bürojob verlassen möchten, um wieder „zu sich selbst“ zu finden. Sie wollen ein Abenteuer erleben und schließen sich einem charismatischen Führer an. Nach und nach wird jedoch klar, dass der nur seine eigenen Ziele verfolgt und von einem zweifelhaften rein egoistischen Rachegedanken getrieben wird. Auch ist nicht ganz klar, worin eigentlich genau das Böse besteht, das es zu bekämpfen gilt. Szenarien, die sich 1:1 auf heutige Erscheinungen wie Islamischer Staat oder Nazi-Terror übertragen lassen.

Auch in dieser zweiten Phase des Stücks liefern die Overhead-Projektoren wieder einige ungewöhnliche Bilder. So wird das dunkle Wogen des Ozeans überraschend eindrucksvoll mittels einer kleinen Glasschüssel, ein wenig Wasser, rotem Farbstoff und ein wenig Geäst dargestellt.

Doch es gibt noch eine dritte Phase. Und in der hat Uwe Schmieder mit übergroßem Puppenkopf als Marcel Reich-Ranicki seinen großen Auftritt. Es ist absolut eindrucksvoll, wie authentisch er Gesten und Sprache des 2013 gestorbenen Literaturkritikers imitieren kann. Zusammen mit Reich-Ranickis Mitstreitern aus alten Literarische-Quartett-Tagen, Hellmuth Karasek und Sigrid Löffler, nimmt er Melvilles „Moby Dick“ auseinander und bekehrt die Terroristen letztlich zu der Aussage „Ich bin nicht Ismael“.

„Moby Dick vs. A.H.A.B. – All Heroes are Bastards“ ist ein kurzes (60 Minuten) und kurzweiliges Theaterstück mit vielen interessanten Bildern, das eine Moby-Dick-Lesart aufzeigt, die geradezu erschreckend aktuell ist. Reingehen!

Außer Uwe Schmieder wirken mit: Ensemblemitglied Sebastian Graf und als Gast Johannes Hubert sowie die Retrofuturisten Franziska Dittrich und Magdalena Roth, die auch für den Puppenbau zuständig ist. Bühnenbild und Kostüme stammen von Julia Plickat.

Andreas Schröter

Tickets und Termine: www.theaterdo.de

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