Sonntag, 29. März 2015

Schauspiel: "Die Möglichkeit einer Insel" ist eine Weiterentwicklung des Theaters

Szene aus "Die Möglichkeit einer Insel" Foto: Birgit Hupfeld
Manchmal sitzt man im Theater und kriegt den Mund vor Staunen nicht mehr zu. So in meinem Fall geschehen am Samstag bei der Premiere von „Die Möglichkeit einer Insel“ nach Michel Houellebecq im Dortmunder Schauspiel. Es ist schier unglaublich, was das Visual-Arts-Kolletiv „sputnic“ um Nils Voges, Malte Jehmlich und Nicolai Skopalik hier auf die Beine gestellt hat. Unglaublich gut - und in seiner Machart gänzlich neu.

Die Bühne ist in dieser Produktion quasi nicht vorhanden. Dort, wo sie sonst ist, stehen dutzende von Kameras, Modelllandschaften, eine Erde im Miniaturformat, allerlei obskure Gerätschaften und hinten sogar eine ganze Häuserzeile mit Porno-Läden, Geschäften und mehrstöckigen Stadthäusern. Davor verläuft eine Schiene, auf der eine Kamera entlangfahren kann. Sie kommt im Stück zum Einsatz, um eine Autofahrt des Helden durch die Häuserschluchten einer Großstadt zu simulieren. Das Ganze mutet an wie die Hobbywerkstatt eines leicht verrückten Bastlers.

Die Akteure Bettina Lieder, Merle Wasmuth, Andreas Beck und Frank Genser sind in dieser Produktion weniger Schauspieler als vielmehr Technik-Anwender. Ihre Kunst besteht darin – und das erfordert sicherlich ein Höchstmaß an Konzentration -, die ganze Technik so punktgenau zum Einsatz bringen, dass eine fließende Geschichte entsteht. In einteiligen Science-Fiction-Kostümen stehen die vier hinter Leucht-Tischen, auf die sie abwechselnd dutzende von Folien legen, die hinter ihnen an der Wand hängen. Kameras übertragen das so gewonnene Bild auf eine Leinwand. Auf diese Weise entsteht etwas, was es bisher meines Wissens noch nie im Theater gab: ein Animationsfilm, der live vor den Augen der Zuschauer entsteht. Und da die Folien über bewegliche Teile wie Münder und Arme von Figuren verfügen, entsteht der Eindruck, sie würden sich bewegen oder sprechen. Hochinteressant! Den Sprechpart übernehmen ebenfalls die vier Schauspieler.

Weil man als Zuschauer so sehr auf die Technik konzentriert ist, tritt die eigentliche Handlung fast ein wenig in den Hintergrund. Daniel24 lebt im fünften Jahrtausend allein mit seinem Hund Fox in einem abgeschotteten Wohnkomplex inmitten einer Wüstenlandschaft. Er ist ein Neo-Mensch und ein Klon von Daniel1 aus unserer Zeit. Auch der Hund wird regelmäßig geklont. Gefühle sind abgeschafft – doch es gibt einige Individuen, die sich gegen diese sterile Art von Leben auflehnen. Sie treffen sich auf Lanzarote, um ein neues Leben zu beginnen: die Möglichkeit einer Insel. Das Stück erzählt abwechselnd die Geschichte von Daniel1 und wie er nach einer Reihe von Enttäuschungen an die Sekte (die Elohimiten) gerät, die sich auf das Klonen spezialisiert, und von Daniel24 und Daniel25 allein mit Hund in ihrer Wohnburg. Ein philosophischer Stoff über Fragen, wie man glücklich werden kann und wie nicht.

Wer sich für die Weiterentwicklung des Theaters interessiert und für die Möglichkeiten, die die heutige Technik diesem Genre bietet, der sollte sich „Die Möglichkeit einer Insel“ im Dortmunder Schauspielhaus ansehen.

Andreas Schröter

Tickets und Termine: www.theaterdo.de




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