Sonntag, 8. Februar 2015

Schauspiel: "Elektra" ist nicht mein Fall

Elektra (Caroline Hanke) rächt sich an ihrer Mutter
Klytaimnestra (Friederike Tiefenbacher). Links:
der Chor der Landmädchen mit Merle Wasmuth
und Bettina Lieder.                           Foto: Szekely

„Elektra“ unter der Regie von Paolo Magelli ist intellektuelles Kopftheater. Fürs Herz bietet das weitgehend humorfreie Euripides-Stück nur wenig. Die Schauspieler agieren auf einer schmucklosen Bühne (Hans Georg Schäfer) aus Schottersteinen. Im Hintergrund spielt eine Band, bestehend aus Paul Wallfish, Larry Mullins und Geoffrey Burton.

Der Abend beginnt mit Elektra-Darstellerin Caroline Hanke, die ermüdend lange gymnastische Übungen vor bühnenhohen Papierstreifen vorführt. Man ist erleichtert, als Friederike Tiefenbacher als Elektras Mutter Klytaimnestra endlich die Bühne betritt und die Handlung beginnt. Kurz danach dringt effektvoll ein Messer von hinten in die Papierstreifen, die kurz danach niedergerissen werden.

Das Messer ist Sinnbild für die blutige Handlung des antiken Stoffes: Klytaimnestra und ihr Liebhaber Aighist haben den König Agamemnon, Klytaimnestras Mann, niedergemetzelt, nachdem er von seiner siegreichen Schlacht in Troja heimgekehrt war. Orest, Elektras Bruder, lebt im Exil. Klytaimnestra befiehlt dem Henker (Frank Gemser), Elektra zu töten. Im letzten Moment besinnt sie sich, gibt dem Henker – welch Sinneswandel - stattdessen Elektra zur Frau und verbannt beide auf ein abgelegenes Stück Land, wo sie ein hartes Dasein als Bauern fristen. Erst viele Jahre später kehrt Orest (Peer Oscar Musinowski) heim und der Rachefeldzug der Geschwister beginnt.

Im ersten Teil bleibt das Stück nah am Original. Das ist überraschend, weil das Schauspiel angekündigt hatte, Alexander Kerlin habe den Stoff komplett umgeschrieben und auf die Probleme der Gegenwart bezogen (Pegida, Charlie Hebdo, Islamischer Staat und – ganz aktuell – einen Nazi-Fackelaufmarsch vor dem Flüchtlingsheim in Dortmund-Eving). Diese Bezüge gibt’s aber erst im zweiten Teil und besonders ganz am Ende in einem Monolog Carlos Lobos (als Orests Freund Pylades) vor dem heruntergelassenen Eisernen Vorhang. Hundertprozentig überzeugend ist die Verbindung dieser aktuellen Probleme zum antiken Stoff nicht immer. Manche Bezüge wirken etwas an den Haaren herbeigezogen.

Regisseur Magelli peppt das Stück mit einigen zuvor produzierten Videosequenzen (Mario Simon) auf, die zum Beispiel Elektra und den Bauern im Schweinestall zeigen, um ihr bäuerliches Leben darzustellen. Ein gelungener Einfall. Für Abwechslung im düsteren Stoff sorgt auch ein „Chor der Landmädchen“, bestehend aus Bettina Lieder und Merle Wasmuth. Sie kommentieren die Ereignisse per synchronem Sprechen. Das wirkt zuweilen arg formalistisch.

Die Band hat nicht so viele Spielanteile wie etwa die Kassierer in der ebenfalls aktuell am Schauspiel laufenden Häuptling-Abendwind-Produktion. Wenn sie spielt, dann extrem laut (sodass sich viele Zuschauer die Ohren zuhalten) und meist dissonant. Das mag zum Stoff passen, ein Genuss für die Zuschauer, in diesem Fall Zuhörer, ist das nicht.

Insgesamt ist „Elektra“ nicht mein Fall: laut, weitgehend ohne feine und leise Zwischentöne, aber immerhin mit Schauspielern, die bereit sind, bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus zu gehen. Auch in diesem Stück schrecken sie vor Nacktheit nicht zurück. In einer Szene, in der es fast zum Inzest zwischen den Geschwistern kommt, möchte man Peer Oscar Musinowski am liebsten zurufen, er möge doch bitte ausnahmsweise seine Hose anbehalten. Nach „Hamlet“, „Häuptling Abendwind“ und „Elektra“ wünscht man sich mal eine Inszenierung mit einer ganz anderen Theaterästhetik. Damit würde das Haus Vielseitigkeit beweisen. In den kleineren Studioproduktionen gelingt das übrigens meist ganz hervorragend.

Andreas Schröter

Tickets und Termine: www.theaterdo.de

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