Mittwoch, 4. Februar 2015

Schauspiel: "Elektra" hat Samstag Premiere

Szene aus "Elektra" Foto: Szekely
"Elektra" hat am Samstag (7.2.) um 19.30 Uhr Uraufführung im Schauspielhaus. Das Schauspiel schreibt dazu:

Elektra ist die berühmteste Rachefigur in der Geschichte des Erzählens. Sie tötet ihre eigene Mutter, Königin Klytaimnestra und deren Liebhaber Aighist – als Vergeltung für einen Mord, den die beiden gemeinsam begangen haben: Als Elektras Vater, der König und Feldherr Agamemnon siegreich aus dem Krieg gegen Troja zurückkehrte, wurde er von Klytaimnestra erschlagen. So wurden Klytaimnestra und Aighist unrechtmäßige Herrscher im Staat. Elektra ist der personifizierte Widerstand gegen ein Herrschaftssystem, das auf einem Unrecht gründet. Sie ist die reine Revolte gegen Despoten, die ihre Macht durch die systematische Wiederholung dieses Unrechts zementieren. Despoten, die ungehindert weiter töten oder das Sterben in und um ihren Staat billigend in Kauf nehmen. Elektra benennt die faulen Stellen. Sie kennt keine Kompromisse, keinen Mittelweg, kein Aber. Sie ist der wunde Punkt in jedem Machtsystem, der es zum Einsturz bringen kann.

Was ist neu an der Dortmunder Elektra?

Es gibt eine lange Tradition, den Stoff der Elektra zu bearbeiten: Aischylos, Sophokles und Euripides in der Antike, in jüngerer Zeit Hugo von Hofmannsthal, Jean-Paul Sartre oder Elfriede Jelinek. Alle waren besessen von der Idee, Elektras Geschichte für die eigene Zeit lesbar zu machen. Das war auch unser Motor.

Autor und Dramaturg Alexander Kerlin hat Euripides’ Version der Tragödie Szene für Szene überschrieben. Im Dialog mit Regisseur Paolo Magelli, dem Schauspiel-Ensemble und Musiker Paul Wallfisch wurde die Geschichte umgestellt, ausgebaut und mit politischen Fragestellungen der Gegenwart verknüpft: Schnelle und knappe Dialoge wechseln sich ab mit schroffer Poesie und melancholischem Humor.

Die Dortmunder Version der „Elektra“ fragt: Was genau ist die Tragödie Europas im frühen 21. Jahrhundert? Vielleicht, dass es den großen (Klassen-)Feind, wie ihn Aighist einst verkörperte, spätestens seit 1989 nicht mehr gibt? Wo sollte der Ort sein, an dem man mit einem einzigen Messerstich das System umkrempeln könnte? Aber was passiert mit einer Gesellschaft, wenn Aighist unauffindbar wird? Wenn überall Verbrechen geschehen, aber kein Schuldiger mehr existiert, auf den man mit Fug und Recht zeigen könnte? Welche Formen der Gewalt und Entladung entstehen aus dieser Orientierungslosigkeit? Aus dieser gähnenden Leere? „Elektra“ in Dortmund ist eine Tragödie, die unsere Gesellschaft und unser Europa an ihren Abgrund führt und für einen Augenblick hineinschauen lässt – ganz im Geiste der Tragödien des alten Euripides.

Wie ist die politische Gegenwart 2014/15 in den Probenprozess eingebrochen?

In die Zeit des Probens fielen die Terror-Anschläge von Paris, der Höhepunkt der PEGIDA-Proteste in Dresden, die Terrorrazzien in Verviers und Berlin – und die Verunsicherung und Angst, die sich angesichts dieser Ereignisse Anfang 2015 auszubreiten begannen. Das Proben-Kollektiv versuchte sich als Seismograph dieser Ängste, studierte die Sprachen der Politik und der Medien, die Sprachen von Fundamentalismus und Feindseligkeit, auch in den Sozialen Netzwerken – und integriert sie immer wieder in die Dialoge und Szenen.

Und die Live-Musik?

In der Aufführung stehen drei Musiker der Extraklasse auf der Bühne. Paul Wallfisch (Botanica), Larry Mullins (u.a. Iggy Pop and The Stooges und Swans) und Geoffrey Burton (u.a. Zusammenarbeit mit Sophie Hunger und Iggy Pop). Das Trio verknüpft musikalische Zitate aus der Elektra-Oper von Richard Strauss mit Eigenkompositionen zu einem Punk-Teppich: “Sehr viel Lärm also, aber auch sehr viel Schönheit”, wie Wallfisch in einem Interview verspricht. Als Inspiration nennt er Bands wie Slint, Lightning Bolt oder Nine Inch Nails, aber auch den Avantgarde-Künstler Terry Riley.

Uraufführung am 7. Februar 2015 im Schauspielhaus Dortmund

Mit: Frank Genser, Caroline Hanke, Bettina Lieder, Carlos Lobo, Peer Oscar Musinowski, Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth / Live-Band: Geoffrey Burton, Larry Mullins, Paul Wallfisch / Regie: Paolo Magelli / Bühne: Hans Georg Schäfer / Kostüme: Leo Kulaš / Dramaturgie: Alexander Kerlin / Video-Art: Mario Simon

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