Sonntag, 1. Februar 2015

Schauspiel: "Das Bekenntnis eines Masochisten" bietet 75 Minuten Theater pur

Marlena Keil, Sebastian Graf
 und Björn Gabriel  Foto: Szekely
Ganz ohne berauschende Deko (wie in „Komm in meinen Wigwam“) oder ausgeklügelte Technik (wie in „Minority Report“) kommt die neueste Studio-Produktion aus: „Das Bekenntnis eines Masochisten“ unter der Regie von Carlos Manuel, der vorher bereits Kafkas „Der Prozess“ am Schauspiel Dortmund inszeniert hatte. Vor einem grau in grau gehaltenen Bühnenbild aus Eisenverstrebungen und einer Art Hochsofa stehen einzig die drei ebenfalls grau-schwarz gekleideten Schauspieler Björn Gabriel, Sebastian Graf und Marlena Keil im Fokus. Und die liefern 75 Minuten Theater pur, in denen sie einmal mehr bis an die Schmerzgrenze gehen.

Das Stück in trister Depri-Optik, eine Groteske des tschechischen Autors Roman Sikora, geht zwar auch auf die Domina-Gelüste von Masochisten ein, ist aber in erster Linie eine Gesellschaftskritik an den Ausbeutungsmechanismen in der kapitalistischen Arbeitswelt. So schlägt unser Herr M., der abwechselnd von allen drei Schauspielern gespielt wird, seinem Chef vor, ihm doch bitte weniger Lohn zu zahlen. Auch nimmt er mehrere Jobs gleichzeitig an. Höhepunkt aber ist eine Ausbeutungs-Olympiade, bei der sich unser Held bis ins Finale kämpft, wo er auf einen drahtigen Chinesen trifft. Disziplinen sind das Nähen von Hosentaschen, stundenlang an der Kasse eines Supermarktes sitzen oder Giftfässer entsorgen (der Masochist trinkt es einfach aus).

Ganz nebenbei zeigt das Stück auf manchmal witzige Weise, wie sehr das Leiden in unserer Welt verankert ist und gelegentlich perverserweise sogar als etwas Positives oder gar Erstrebenswertes dargestellt wird: Jesus leidet am Kreuz für die Menschen, und Xavier Naidoos Weg wird selbstverständlich kein leichter sein. Farbtupfer sind zwei Gesangseinlagen von Marlena Keil, die sich gut bei Stimme zeigt, und Björn Gabriel. Einmal dürfen die Zuschauer mitschnalzen (und sie tun es gerne), was für eine angenehme Auflockerung sorgt.

Insgesamt ist es ein Genuss, den Akteuren bei ihrer Arbeit zuzuschauen. Marlena Keil, die erstmals am Schauspiel Dortmund tätig ist, steigert sich mit irrem Blick in Wahnsinnsmonologe. Genauso glaubhaft und intensiv spielen und leiden Sebastian Graf (mit neuer Undercut-Frisur) und der wandlungsfähige Björn Gabriel.

Am Ende gab’s den verdienten Mega-Applaus. Das Pendant zum viel zitierten Beifall im Stehen ist im Studio das wirkungsvolle Getrappel mit den Schuhen auf der Holztribüne. Und davon gab’s reichlich. Bühne und Kostüme stammen übrigens von Vinzenz Gertler, das Licht von Rolf Giese und die Dramaturgie von Dirk Baumann.

Mein Vorschlag: reingehen und staunen!


Andreas Schröter

Tickets und Termine: www.theaterdo.de

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