Sonntag, 25. Januar 2015

Schauspiel mal richtig derbe: "Häuptling Abendwind und Die Kassierer"

Foto: Birgit Hupfeld
Dass dieser Theaterabend anders werden würde, war schon vor Beginn des Stücks klar. Das übliche Bildungsbürger-Premierenpublikum war diesmal durchsetzt mit Menschen, die auf Springerstiefel, großflächige Tätowierungen, abgerissene Klamotten und Irokesenschnitt stehen. Ich habe mich gewundert, dass es das noch gibt, dachte immer, Punk sei eine Erscheinung der 80er.

Das Stück selbst, „Häuptling Abendwind und Die Kassierer“ ist mit einem Wort gesagt: derbe. Im Wesentlichen geht‘s ums Fressen, Scheißen, Saufen und Ficken. Zwischendurch gibt’s ein paar ältere Songs der Wattenscheider Punkband „Die Kassierer“ gleichen Inhalts. Sie heißen „Das schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“, „Mach die Titten frei, ich will wichsen“ oder „Arsch abwischen“. Im Mittelpunkt steht Sänger Wolfgang „Wölfi“ Wendland, der keine Probleme hat, seinen monströsen Bierbauch lediglich mit einem viel zu knappen T-Shirt zu bedecken. Schön ist das nicht. Aber Schönheit ist sowieso kein Kriterium für diesen Abend. Früher ist die Band übrigens öfter ins Visier der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften geraten.

Regisseur Andreas Beck hat ein Konzert dieser Combo mit einem Stück aus dem 19. Jahrhundert von Johann Nestroy gekreuzt: „Häuptling Abendwind oder Das greuliche Festmahl“: Die Häuptlinge von zwei Menschenfresserstämmen (Uwe Schmieder und Uwe Rohbeck) treffen sich. Leider sind die Vorratskammern alle, so dass sich Häuptling Abendwind und die Seinen auf die Suche nach etwas Essbarem machen. Just in dieser Situation kommt ein fremder Friseur (Ekkehard Freye) an. Leider merken die Häuptlinge erst nach dem Essen, dass dieser Friseur der zurückgekehrte Sohn von Häuptling Biberhahn ist/war. Zur Entspannung der Situation trägt auch nicht bei, dass sich Abendwinds Tochter (Julia Schubert) in den Friseur verliebt hat …

Die Schauspieler, die in Dortmund ja ohnehin nicht dafür bekannt sind, prüde oder zurückhaltend zu sein, gehen auf der aus Bierkästen bestehenden Bühne noch einen Schritt weiter. Sie haben keinerlei Probleme, sich gegenseitig an die entblößten Genitalien zu fassen oder sich mit Wollust kopfüber in die Essenschüsseln zu stürzen, die vermeintlich aus dem gut zubereiteten Friseur bestehen.

Um es positiv auszudrücken: Das alles ist wild-anarchisch, stellenweise richtig witzig, das Gegenteil von betulich und schert sich nicht um irgendwelche verstaubten Benimm- oder Moral-Normen. Und: Schauspielchef Kay Voges lockt mit einem solchen Stück Menschen ins Theater, die sonst nicht kommen. Er erschließt neue Publikumsschichten. ABER: Ist nicht das Theater auch ein bisschen so etwas wie ein heiliger Rückzugsort vor dem ganzen Dumpfbacken-Dschungelcamp-Schwachmaten-Unsinn, der einen sonst den ganzen Tag umgibt? Will man sich wirklich jetzt eine solche Mentalität ins eigene Haus holen?

Übrigens scheinen Punks schwache Blasen zu haben. Während des gesamten Stücks herrschte ein ausgesprochen reges Kommen und Gehen, was vor allem dann unschön ist, wenn der Blasengepeinigte in der Mitte einer Reihe sitzt, so dass mindestens 20 Leute aufstehen müssen, damit der arme Mensch zum Ausgang gelangen kann. Mich hat’s genervt. Beim Rausgehen musste man aufpassen, dass man nicht auf eine herumliegende Bierflasche oder anderen Müll trat.

Mein persönliches Fazit: Demnächst darf es gerne auch wieder etwas feinsinniger sein.

Andreas Schröter


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