Samstag, 10. Januar 2015

Schauspiel: "Komm in meinen Wigwam" ist ein herrlicher Theaterspaß

Szene aus "Komm in meinen Wigwam".
Foto: Theater Dortmund
Was ist es doch für ein herrliches Gefühl, nach den religiös motivierten Morden von Paris im Dortmunder Schauspielstudio zu sitzen und eine Satire gegen bestimmte Eigenarten in der Vergangenheit einer Religion zu sehen – und dabei nicht befürchten zu müssen, dass ein Zuschauer aufspringt und die Anwesenden mit Waffengewalt bedroht. Das mag jetzt etwas pathetisch klingen, aber mir ist dabei einmal mehr klar geworden, was für ein unbedingt schützenswertes Gut unsere westliche Freiheit doch ist. Selbst 88.000 Einsatzkräfte wie in Frankreich sind nicht zu viel, um solche Werte zu verteidigen.

Genug des pathetischen Geredes. „Komm in meinen Wigwam“ unter der Regie von Wenzel Storch nimmt die katholische Aufklärungsliteratur der 50er und 60er Jahre aufs Korn. Da geht es um wachsende Stengel und sich öffnende Blütenkelche. Im Mittelpunkt steht das Werk des Päpstlichen Ehrenprälaten Berthold Lutz (1923-2013), der der Welt so bahnbrechende Werke wie „Peter legt die Latte höher“ hinterlassen hat. Der nur 75 Minuten kurze Theaterabend strotzt nur so vor Originalzitaten – eines lustiger als das andere. „Ein Buch für Jungen zum Größerwerden“ ist ein Beispiel dafür oder auch die Aussage, es sei ein „unangenehmes Gefühl“, wenn gewisse Körperregionen plötzlich stärker durchblutet seien als sonst. Mit solchen Traktaten hat die katholische Kirche Mitte des vorigen Jahrhunderts versucht, ihren jüngsten Mitgliedern jegliche Freude am Sex auszutreiben. Einige Zitate sind derart abstrus, dass die Zuschauer mehrmals ausrufen. „Was? Das gab’s wirklich?“ Aber ja.

„Komm in meinen Wigwam“ ist ein ausgesprochen kurzweiliges Stück, bei der sich die Szenen in schneller Folge abwechseln. Auch hat das Schauspiel für diese Produktion keinerlei Ausstattungsmühen gescheut. Einige Mitglieder des Dortmunder Sprechchores treten wechselnd als Nonnen oder verpackt in lebensgroßen und ausgesprochen phantasievoll und detailreich ausgestatteten Blumenkostümen auf. Lediglich ein Schauspieler (Ekkehard Freye als „Sprecher“) steht in dieser Produktion auf der Bühne. Der Rest besteht aus dem wunderbar verklemmt wirkenden Dramaturgen Thorsten Bihegue und Laien. Und die machen ihre Sache durchaus gut – allen voran Heinrich Fischer vom Seniorenclub als alter Kaplan, der gerne mal mit seinen Messdienern ein nächtliches Zeltlager veranstaltet …

Insgesamt ist „Komm in meinen Wigwam“ ein herrlicher Theaterspaß, den man sich unbedingt gönnen sollte. Menschen mit katholischer Sozialisation werden doppelten Genuss haben.

Es machen außer den bereits Genannten mit: Jana Katharina Lawrence, Finnja Loddenkemper, Leon Müller und Maximilian Kurth (alle Mitglied des Jugendclubs „Die Theaterpartisanen“) sowie Regine Anacker, Solveig Erdmann, Lilli Fehr-Rutter, Margret Kloda, Heike Lorenz, Katrin Osbelt, Rita Spieker-Thiele, Anette Struck, Bärbel Göbel, Ulli Wildt, Sabine Kaspzyck, Birgit Rumpel und Inge Nieswandt (alle Mitglied im Dortmunder Sprechchor) Für Bühne und Kostüme ist Pia Maria Mackert zuständig, fürs Licht Rolf Giese.


Andreas Schröter

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