Sonntag, 9. November 2014

"Zauberberg" ist eine beeindruckende Ballett-Inszenierung

Großartig! Angesichts von Xin Peng Wangs neuer Ballett-Inszenierung „Zauberberg“ darf man ruhig einmal zu diesem Wörtchen greifen. Uraufführung war am Samstag im Dortmunder Opernhaus.

Zu Beginn werden die Zuschauer durch ein Gemälde der Schweizer Bergwelt, das langsam auf einer Riesenleinwand entsteht, in die Stimmung des Lungensanatoriums in den Alpen versetzt, in dem die Handlung von Thomas Manns grandiosem Jahrhundertroman spielt, aus dem Xin Peng Wang einzelne Motive entlehnt und in Tanz umgesetzt hat. Es ist eine morbide Stimmung der Abgeschiedenheit, in der der Tod allgegenwärtig ist – in der aber auch Liebe und Leidenschaft gedeihen und sich bestimmte Rituale entwickeln, wie es nur in Milieus geschieht, die sich ausschließlich um sich selbst drehen. Das Lungensanatorium ist ein solcher Ort – ein Ort also, der den Rest der Welt mit seinem heraufziehenden 1. Weltkrieg ausklammert und der schon deshalb für Hans Castorp so anziehend wirkt. Er bleibt ganze sieben Jahre, obwohl er nur den Schatten eines Schattens auf der Lunge hat.

Xin Peng Wang sind beeindruckende, ja fast magische Bilder gelungen, die noch lange in den Köpfen der Zuschauer haften bleiben. Einmal fallen Buchstaben wie Schnee vom (Bühnen)-Himmel und bilden langsam auf der Leinwand einen Text aus dem

Buch, der auf die Nähe von Tod und Leidenschaft hinweist. Das ist reine Poesie. Ein anderes Mal senken sich viele Stühle Richtung Bühne und bleiben auf halber Strecke in der Luft hängen. Das Thema (Lungen-)Krankheit wird durch überdimensionierte Röntgenaufnahmen illustriert, vor denen sich die Tänzer winden.

Natürlich kommen die zentralen Figuren des Romans vor: Hans Castorp (beeindruckend getanzt von Dmitry Semionov), seine türenknallende Geliebte Clawdia Chauchat (wie immer hervorragend: Monica Fotescu-Uta), Castorps sterbenskranker Cousin Joachim Ziemßen (Dann Wilkinson) und die Streithähne Naphta und Settembrini (Arsen Azatyan und Guiseppe Ragona). Doch auch wer kein Kenner des Romans ist, dürfte an diesem Ballettabend seine Freude haben. Dafür sorgt auch die klug ausgewählte Musik des weniger bekannten estnischen Komponisten Lepo Sumera (1950-2000). „Versuche der Musikwahl im ästhetischen Umfeld der Romantik waren nicht befriedigend“, heißt es im Begleitheft, „rückten sie die Handlung doch illustrativ verklärerisch in die Vergangenheit“.

Am Schluss zerfällt die Abgeschiedenheit des Sanatoriums, und auch die Insassen – und mit ihnen Hans Castorp – müssen sich den Realitäten des Krieges beugen. Xin Peng Wang gelingt ganz am Ende noch einmal ein ganz besonderer optischer Höhepunkt: Die Tänzer werden von einem riesigen weißen Tuch begraben, auf das Kriegsszenen projiziert werden. Hans Castorp schreitet mitten in diesen Krieg hinein.

Nachdem der letzte Vorhang gefallen ist, gibt’s die (überaus angemessenen) Standing Ovations für einen atemberaubenden Abend voller Kunst.

Andreas Schröter


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Musikalische Leitung: Motonori Kobayashi
Choreografie und Inszenierung: Xin Peng Wang
Konzept, Szenario, Dramaturgie: Christian Baier
Bühnenbild: Frank Fellmann
Kostüme: Alexandra Schiess
Lichtdesign: Carlo Cerri
Videodesign: Knut Geng
Mit der: Statisterie des Theater Dortmund
Mit den: Dortmunder Philharmonikern
Solo-Violine: Shinkyung Kim (Violine), Alexander Prushinskiy
Klavier: Tatiana Prushinskaya

Karten und weitere Termine: www.theaterdo.de












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