Samstag, 29. November 2014

"Szenen einer Ehe": witzige Regieeinfälle - aber etwas zu lang

Szene aus "Szenen einer Ehe"
Foto: Birgit Hupfeld
Wer „Szenen einer Ehe“ als Ingmar-Bergmann-Film aus dem Jahre 1973 kennt, wird nach einem Besuch der Inszenierung von Claudia Bauer am Schauspiel Dortmund überrascht sein. Ob es eine positive oder negative Überraschung ist, muss – wie immer – jeder für sich selbst entscheiden. Nach der Premiere am Freitag waren beide Extreme zu hören: „eine Zumutung“ und „genial“.

Es geht kurz gesagt um die Bilderbuchehe von Johan und Marianne, die sich nach und nach in die schlimmste Beziehungshölle verwandelt, die sich denken lässt. Das Paar driftet hin und her zwischen dem Wunsch des einen, den anderen zu erschlagen (im Stück witzig als Running Gag mit einem zum Schlag erhobenen alten Telefon angedeutet) und wiederholten Annäherungsversuchen der Streitenden. Der Songtext „Nicht mit dir und nicht ohne dich“ von Pe Werner würde passen.

Claudia Bauer überzieht den über 40 Jahren alten Stoff gleich mit einem ganzen Füllhorn an ungewöhnlichen Regieeinfällen. So lässt sie das Paar nicht nur von zwei Schauspielern spielen, sondern von acht, wobei sich vier Paare herausschälen. In einem Fall spielt der Mann (Frank Genser) die Marianne und die Frau (Merle Wasmuth) den Johan. In einer Szene agieren vier Schauspieler mit Masken, während die Stimmen von den vier anderen kommen, die am Bühnenrand stehen. Von den Schauspielern live gesungene und verballhornte Liebeslieder wie „Love Hurts“ von Roy Orbinson oder „Love Song“ von The Cure kommen genauso vor wie die mittlerweile berühmte oder berüchtigte – je nach Sichtweise – Videokamera. Wie immer am Schauspiel Dortmund geben die Schauspieler alles – in diesem Fall Frank Genser, Sebastian Kuschmann, Bettina Lieder, Carlos Lobo, Uwe Schmieder, Julia Schubert, Friederike Tiefenbacher und Merle Wasmuth. Sie verpassen sich saftige Ohrfeigen, ziehen sich aus, bespritzen sich mit (Theater-)Blut, schreien und toben, wälzen sich über- und untereinander über die Bühne und fassen sich gegenseitig an den Busen oder in den Schritt. Das ist immer wieder höchst beeindruckend und bewunderungswürdig.

Das alles zusammengenommen ergibt eine Spieldauer inklusive Pause von fast drei Stunden – allerdings wirkt es wegen der vielen wechselnden Szenen kürzer.

Wer derart tief in die theatrale Kiste greift wie Claudia Bauer in diesem Stück, steht im Verdacht, dass er dem eigentlichen Text nicht recht traut. Das jedoch ist gerade im Fall von „Szenen einer Ehe“ unangebracht. Das Stück behandelt die gänzlich zeitlosen Probleme, die Paare nun mal miteinander haben. Eine Beschäftigung mit diesem Text ohne jeden Schnickschnack könnte bestimmt ebenfalls reizvoll sein.

Von einem Rezensenten erwartet man, dass er sagt, wie ihm ein Stück gefallen hat. Ich habe mich zu Anfang köstlich amüsiert und gut unterhalten gefühlt. Spätestens ab Stunde drei aber habe ich mich immer öfter beim Blick auf die Uhr erwischt. Vielleicht wäre es doch gut gewesen, alles ein wenig zu straffen.


Andreas Schröter

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Bühne und Kostüme: Patricia Talacko
Musik: Smoking Joe
Video-Art: Mario Simon
Licht: Sibylle Struck
Dramaturgie: Michael Eickhoff

Weitere Termine: 4./21. Dezember, 9./25. Januar

Infos und Karten: Tel. 0231-5027222

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