Sonntag, 19. Oktober 2014

"Tod eines Handlungsreisenden" so aktuell wie 1949

Sebastian Graf und Andreas Beck (v.l.) in "Tod eines
Handlungsreisenden". Foto: Theater Dortmund
Verglichen mit den meisten anderen Inszenierungen am Schauspielhaus Dortmund in der jüngeren Vergangenheit kommt „Der Tod eines Handlungsreisenden“ eher ruhig, traditionell und ohne besondere Effekte daher. Und das ist gut so: Genauso wie gelungene innovative Produktionen wie „Das Fest“, „Republik der Wölfe“ oder „Der Meister und Margarita“ wichtig sind – und das Ansehen des Dortmunder Schauspiels zu Recht auch überregional gemehrt haben –, haben die leiseren Produktionen ihre Daseinsberechtigung. Sie steigern die Vielseitigkeit am Dortmunder Schauspiel und bieten Zuschauern eine schöne Alternative, die eher auf ein etwas traditionelleres Theater stehen.

„Der Tod eines Handlungsreisenden“ kommt auch schon deshalb ohne besondere Knalleffekte aus, weil Arthur Millers Vorlage aus dem Jahre 1949 immer noch topaktuell ist. Text und Themen wirken, als sei  das Stück erst gestern für eine Gegenwart geschrieben worden, in der beispielsweise die Digitalisierung auch am Arbeitsplatz immer schneller Menschen aussortiert, die mit dem Wandel nicht mehr Schritt halten können oder wollen. Sie werden sich ähnlich fühlen wie unser Held Willy Loman, der früher mal ein guter Verkäufer war, aber heute nicht mal mehr ein Schatten seiner selbst ist. Sein Chef, für den er bei dessen Geburt den Vornamen mit ausgesucht hat, hat keine Verwendung mehr für ihn. Eine Zeitlang kann Willy den Schein gegenüber seiner Frau und seinen Söhnen noch wahren, indem er sich von seinem Nachbarn Charly Geld leiht, aber am Ende sieht Willy keinen anderen Ausweg als den Freitod, um seiner Familie wenigstens die Prämie der Lebensversicherung zu sichern.

Das Spiel von Andreas Beck als Willy und seinen Mitstreitern Carolin Wirth (als seine Frau), Uwe Rohbeck (u.a. als Nachbar Charly) sowie Peer Oscar Musinowski und Sebastian Graf (Willys Söhne) ist so dicht, dass man ihnen dabei gerne zusieht. Sie alle bringen die Aussagen des Stücks gut auf den Punkt: mehr Schein als Sein oder Willys Lebensmotto der Beliebtheit, die er für höher erachtet als Fleiß und Disziplin. Natürlich ist Arthur Millers Text auch Kritik an einer Gesellschaft, deren Individuen sich ausschließlich über ihre Stellung im Berufsleben identifizieren. So kommt Willy mit seinen Söhnen nur dann klar, wenn sie – anscheinend – beruflich erfolgreich sind. Auch diese Aspekte werden von der Dortmunder Inszenierung gut transportiert.

Langeweile kommt trotz der Dauer von zwei Stunden (ohne Pause) an keiner Stelle auf.  Als Bühnenbild dienen teils noch verpackte Waschmaschinen und Kühlschränke. Sie stehen für die Ware, die Willy verkaufen muss. Einmal kommt Regen vom Bühnenhimmel. Er verstärkt die Tristesse, in der sich die Familie Loman befindet.


Die niederländische Regisseurin Liesbeth Coltof entwickelt sich immer mehr zum Gütesiegel am Schauspiel Dortmund: Auch ihre beiden vorherigen Inszenierungen „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ und „Verbrennungen“ waren gelungen.

Andreas Schröter

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