Sonntag, 26. Oktober 2014

Theaterfestival Favoriten 2014: Zwischen Genie und Wahnsinn

Deutlich experimentierfreudiger als frühere Ausgaben präsentiert sich das Theaterfestival Favoriten in diesem Jahr. Und eine Scheu vor Experimenten konnte man schon den Vorgängern nicht vorwerfen. Um es positiv auszudrücken: Bei der Eröffnung am Samstag im ehemaligen Museum am Ostwall loteten die Festival-Leiterinnen Felizitas Kleine und Johanna-Yasirra Kluhs die Grenzen des Theaters aus, schufen Brücken zu anderen künstlerischen Sparten wie Installation oder Performance. Weniger gutwillig gesinnte Zeitgenossen könnten die Frage stellen, was etwa Werke wie „Exuviae“ von Yoshi Shibahara oder „Memory Machine“ von MOUVOIR und Stephanie Thiersch noch mit Theater zu tun haben. Im ersten Fall sind es leicht knisternde
Installation "Exuviae"        Foto: Schröter
Alufolien-Figuren in Menschengestalt, die in einem Raum mit wechselnder Beleuchtung hängen (siehe Foto). Das ist fast ein wenig gruselig. Der Betrachter fühlt sich wie in einem Science-Fiction-Ambiente. Die Anonymität der Masse ist hier ein Thema. Im zweiten Fall können die Besucher eine Art überdimensionales Hörrohr auf verschiedene Lautsprecher richten. Sie entscheiden so, welche Stimmen sie aus der permanenten Sprach-Kakophonie, die uns alle umgibt, herausfiltern wollen.

Hauptact am Vorabend war aber sicherlich die Performance „White Void #14“ von der Ben J. Riepe Kompanie (siehe Foto): In einem mit künstlichem Nebel angereicherten Raum sitzen und stehen Darsteller, die gleichbleibende Töne in unterschiedlichen Höhenlagen ausstoßen. Durch die gesamte Szenerie laufen zehn bis
Performance "White Void #14"   Foto: Schröter
zwölf Hunde. Den ganz in schwarz gekleideten Akteuren gelingt es, auf diese Weise eine ganz eigene Atmosphäre zu schaffen. Sie hat etwas von Ruhe, Friedfertigkeit, Meditation und Abgeschiedenheit von der Welt. So ähnlich müssen sich Schlittenhundeführer am Pol fühlen. Obwohl die Hunde keine Anzeichen von Unwohlsein zeigen, fragt sich so mancher Zuschauer, ob eine solche Performance noch mit dem Tierschutz in Einklang zu bringen ist. Es seien trainierte Fernsehhunde, und eine Hundetrainerin sei immer dabei, war zu hören. Nun ja ...

Später am Abend gab’s dann doch so etwas wie Theater: die Tanztheater-Performance „Ok, Panik“ von der Gruppe SEE! aus Köln. In einem Text, der von Wiederholungen bis an die Schmerzgrenze lebt, setzen sich zwei Darsteller mit Themen wie Kapitalismus und Krise auseinander – darin steckt eine Menge Gesellschaftskritik. Die beiden bedienen sich den Mitteln des Ausdruckstanzes. Hinzu kommen sphärische Klänge, die live auf einer E-Geige erzeugt werden. Man muss einigen guten Willen aufbringen, um das rundum genießen zu können und nicht im Stillen doch ein wenig das Ende herbeizusehnen.

Rundum positiv am Theaterfestival Favoriten2014 ist, dass das ehemalige Museum am Ostwall zumindest für eine Woche wieder mit Leben erfüllt ist. Im Lichthof ist gar ein Rasen ausgelegt. Die Besucher sind eingeladen, bereitliegende Decken auszurollen und darauf ein Picknick zu veranstalten – und viele tun es. Das hat den Charakter eines Happenings. In seiner Eröffnungsrede lobte Oberbürgermeister Ullrich Sierau die Menschen, die sich für den Erhalt des Gebäudes einsetzen. Er machte ihnen Hoffnung, dass das Baukunstarchiv NRW doch noch neuer Nutzer wird. Gespräche in Düsseldorf in dieser Richtung seien positiv verlaufen.

Alles Weitere zum Festival, das noch bis zum 1. November an verschiedenen Stellen der Stadt läuft, auf der (etwas unübersichtlichen) Website www.favoriten2014.de


Andreas Schröter

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