Samstag, 13. September 2014

Schauspiel Dortmund: Ein Hamlet, der nervt

Eva Verena Müller als Hamlet.  Foto: Edi Szekely
Wenn es einen Preis für Abgedrehtheit gäbe, Dortmunds Schauspielchef Kay Voges würde ihn für seine Hamlet-Inszenierung bekommen. Wenn es einen Preis für digitale Machbarkeit gäbe, Kay Voges würde ihn gewinnen. Nur: Um beides geht es im Theater nicht. Es geht darum, die Zuschauer bei den Eiern zu packen, um es vulgär auszudrücken, sie emotional mitzunehmen, zu unterhalten, sie meinetwegen auch zu belehren, wenn es sein muss, sie in eine andere Welt zu entführen - was auch immer. Aber all das gelingt Kay Voges mit diesem Hamlet eben nicht.

Die Zuschauer werden oft bis zur Schmerzgrenze – und gelegentlich auch darüber hinaus - mit Geräuschen und Bilderfluten malträtiert. Der Inhalt hat hier schier gar keine Bedeutung mehr. Nicht umsonst wird im Stück immer wieder zitiert: „Mehr Kunst, weniger Inhalt.“ (was eine Umkehrung eines Original-Shakespeare-Zitats ist.) Man könnte sicher lange streiten, ob das überhaupt zutrifft. Aber wenn der Inhalt entfällt, muss er ersetzt werden durch irgendetwas anderes, sonst ist es eine hohle, sinnentleerte Kunst. Und es ist einfach zu wenig, wenn dieses Andere lediglich aus einer Kakophonie von Tönen und Bilderfluten von der Leinwand besteht. Auf diese Weise verkommt der Shakespeare-Stoff zum leisen Hintergrundrauschen für eine laute und gigantische Show des technisch Machbaren. In gewisser Weise ist diese Inszenierung eine konsequente Weiterentwicklung früherer Arbeiten Voges‘ – nur dass er diesmal den Bogen überspannt. Was früher als genial, modern, witzig, rasant und eine Weiterentwicklung des Theaters angesehen werden konnte, nervt jetzt nur noch.

Auf der Bühne selbst spielt sich in dieser Inszenierung so gut wie nichts ab. Die Schauspieler agieren irgendwo im Nirwana, ihr Handeln wird per Videotechnik auf die Leinwand projiziert. So entsteht eine Art Live-Film. Vorteil ist sicherlich, dass per Nahaufnahme alle Gesichts-Regungen der Schauspieler eingefangen werden können, sodass noch deutlicher wird, was für ein hervorragendes Ensemble sich derzeit in Dortmund tummelt (Grandios, wie Eva-Verena Müller den Hamlet als Batman-Comic-Figur verkörpert). Aber es muss dennoch die Frage erlaubt sein – und sie ist Kay Voges schon häufiger gestellt worden - , ob man eigentlich einen Film sehen will, wenn man ins Theater geht, und sei es ein Live-Film – Modernität hin oder her.

Auch eine gewisse Überfrachtung kann man dieser Inszenierung unterstellen: Wum und Wendelin kommen vor, Star Wars, Ernie und Bert und eine mittelalterliche Vierteilung, bei der der Delinquent partout nicht zerreißen will. Was genau hatte die nochmal mit dem Hamlet-Stoff zu tun? Es sieht so aus, als habe Voges alles, was ihm eingefallen ist, in einen großen Topf geworfen und dann über dem Publikum ausgekippt.

Eine Super-Idee kommt dann aber doch noch ganz am Schluss (und entschädigt das Publikum fast ein wenig für das tosende Chaos, das es zuvor ertragen musste). Die Zuschauer werden aufgefordert, ihre Kommentare zum Stück per Twitter zu posten, was dann live auf der Leinwand eingeblendet wird. Sie tun es, und dabei kommt viel Witziges zustande. Zum Beispiel: „Ich muss Pipi“, „Lasst uns hier raus“ oder „Weniger Kunst, mehr Inhalt!“ Genau!

Andreas Schröter

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