Freitag, 20. Juni 2014

NRW-Theatertreffen: Toller Abend mit "gutem Mensch von Sezuan"


Ich bin sehr begeistert vom „guten Menschen von Sezuan“ des Schauspiels Köln – zu sehen beim NRW-Theatertreffen am Schauspiel Dortmund. Die Charaktere des Brecht-Stücks werden abwechselnd von echten Schauspielern und Puppen dargestellt, was nicht nur für Abwechslung, sondern auch eine ganz eigene Ästhetik in dem Drei-Stunden-Stück sorgt. Wahnsinn, wie lebensecht die Puppenspieler ihre Puppen erscheinen lassen. Da sitzt jede Kopfdrehung und jedes Atem holen. Das ist manchmal fast ein bisschen gruselig, weil die Illusion allzu echt wirkt.

Und noch einen anderen Effekt haben die Puppen, die teils wie aus der Muppet-Show entlehnt wirken: Sie sind ein gutes Mittel gegen die heute denn doch womöglich etwas überkommene, oberlehrerhaft wirkende und pathetische Grundaussage des Kommunisten Brecht: Ein guter Mensch muss im Kapitalismus scheitern.

Beim Schlussapplaus habe ich mich gefragt, warum die vielen anderen Schauspieler, die doch ganz offenkundig ebenfalls an dem Stück beteiligt gewesen waren, eigentlich nicht auf die Bühne kommen. Erst da ist mir klar geworden, das sämtliche Rollen nur von sechs oder sieben Schauspielern gespielt werden, die sich somit als ausgesprochen vielseitig erwiesen hatten.


Und wieviel Spaß die Akteure an ihren Rollen haben, bewiesen sie sogar in der Pause auf dem Vorplatz, wo die meisten Zuschauer standen und Bier tranken. Plötzlich erschienen zwei Schauspieler, stellten sich auf eine der Sitzgelegenheit aus Paletten und spielten einfach weiter. Auch eine der Puppen – eine Matrone im Rollstuhl – war dabei und pöbelte die Zuschauer an: „Sie erinnern mich an meinen zweiten Ehemann“ oder „Finden Sie, dass eine Lederjacke die richtige Kleidung für die Hochzeit meines Sohnes ist ?“. Dieser Pauseneinsatz, der zur Inszenierung gehört und nicht etwa spontan war, wirkte enorm frisch und sympathisch.

Für mich ist „Der gute Mensch von Sezuan“ nach „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ der zweite Favorit auf einen der Preise bei diesem Festival.

Szene aus "Der gute Mensch von Sezuan"
Foto: Klaus Lefebrve

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