Sonntag, 15. Juni 2014

NRW-Theatertreffen: "Minna von Barnhelm" ist nicht mein Fall

video
Vom zweiten Abend beim NRW-Theatertreffen bin ich nicht ganz so hingerissen wie vom Auftakt.

Aber zuerst das Positive: „Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück“ vom Theater Bielefeld bietet viele witzige Regieeinfälle, die trotz der Länge des Stücks von über zweieinhalb Stunden Spielzeit keine Langeweile aufkommen lassen. Die körperlich ganz offensichtlich topfitten Schauspieler agieren teils schon fast akrobatisch auf einer schrägen Ebene, sodass es Spaß macht, ihnen dabei zuzuschauen. Sie wirken frisch, jung und voller Energie.

Minna (links) und ihre Zofe Franziska
Aber ich frage mich, ob der Lessing-Stoff aus dem 18. Jahrhundert heute überhaupt noch jemanden interessiert. Vielleicht gibt es einfach auch bestimmte Klassiker, bei denen es nicht so überaus tragisch wäre, wenn man sie ganz langsam dem Vergessen anheimstellen würde.  Ja, ja, ich höre schon den Aufschrei. Man sagt ja immer, der Regisseur habe etwas mächtig „entstaubt“. Das lässt sich sicherlich auch hier sagen. Aber man kann ein Stück ja auch immer nur bis zu einem gewissen Grad „entstauben“. Der Kern muss ja erhalten bleiben, sonst ist es nicht mehr die „Minna von Barnhelm“. Und im Kern dieses Stückes geht es nun mal um eine heute sehr antiquiert wirkende Fragestellung: Darf ein entehrter und armer Mann eine sozial über ihm stehende reiche Frau heiraten? Mal ehrlich: Gibt es in Westeuropa noch ernsthaft irgendwo jemanden, der sich für ein solches Thema interessiert? Und wenn es ihn gäbe, würde man ihm doch einen Vogel zeigen, oder?


Das Ende ist ein Rausch aus Liebe, Sex und Zuneigung. Da fragt man sich so’n bisschen, ob da nicht der Kitsch etwas zu sehr durchschlägt. Aber ist alles original Lessing. Da kann der Regisseur wenig machen. Ich glaube ich gründe einen Verein zur Verbannung einiger Klassiker in die Archive, wo sie dann gerne *ver*stauben dürfen. Die „Minna von Barnhelm“ ist ein erster Kandidat.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen