Donnerstag, 19. Juni 2014

NRW-Theatertreffen: "Kasimir und Karoline" nicht gelungen

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Gut, ich gebe es zu: Ich habe „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horvath nicht gelesen, aber ich habe andere Sachen von ihm gelesen – zum Beispiel „Geschichten aus dem Wienerwald“. Daher weiß ich, was diesen Autor ausmacht: sein lakonisch liebevoller Blick auf die sozial Benachteiligten der Gesellschaft, die Poesie seiner Sprache, die Bedeutung, die zwischen den Zeilen steckt.

Von alldem ist leider in der schrillen und überlangen und überladenen Inszenierung des Schauspielhauses Düsseldorf rein gar nichts zu spüren. Marianne Salzmann hat für diese Neufassung, die das Münchner Oktoberfest in die Rheinkirmes in Düsseldorf verwandelt, alles entfernt, was Horvath auch heute noch lesenswert macht.

Und das ist verdammt schade: Denn im Gegensatz zu „Minna von Barnhelm“, das ein paar Tage vorher beim NRW-Theatertreffen zu sehen war und heute weitgehend irrelevante Ehrvorstellungen thematisiert, hätte uns „Kasimir und Karoline“ heute sehr wohl noch etwas zu sagen: Horvath seziert das Proletariat, die sozial Benachteiligten, und legt dar, warum die Menschen aus diesen Milieus selten eine wirkliche Chance haben, sozial aufzusteigen – unter anderem auch, weil die Vertreter anderer Milieus gar kein Interesse daran haben. Das ist in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit und einer Verarmung der Gesellschaft ein sehr aktueller Stoff.

Doch was machen die Düsseldorfer daraus? Eine auf die Landeshauptstadt bezogene langatmige Lokalposse, die außerhalb Düsseldorfs schon weit weniger Menschen interessieren dürfte, mit Versatzstücken, die rein gar nichts mit dem Thema zu tun haben. Zu Letzteren gehört eine viel zu lang geratene Hamlet-Parodie, die in puren Klamauk ausartet, und ein Ausflug eines der Schauspieler ins Publikum: Er fragt die Besucher, ob sie schon mal arbeitslos waren, wie viel sie verdienen und so weiter. Das mag als pädagogische Maßnahme im Jugendtheater durchgehen, im Theater für Erwachsene ist es vor allem zweierlei: peinlich und überflüssig.

Bekanntlich steckt das Düsseldorfer Schauspielhaus in der Krise. Wer diese Inszenierung gesehen hat, kann erahnen, warum.


Szene aus "Kasimir und Karoline", Foto: Sebastian Hoppe




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