Sonntag, 6. April 2014

"Tannhäuser" ist ein berauschender Bilderbogen

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In meinem zweiten Versuch hat's dann gestern geklappt, Kay Voges' "Tannhäuser" in der Oper zu sehen. Beim ersten Mal war der Sänger der Titelrolle, Daniel Brenna, ja krank, und die Aufführung musste nach dem ersten Akt abgebrochen werden. 

Um diese Inszenierung ist ja fast ein Glaubenskrieg entfacht. Die einen sagen, man dürfe ihn nur so aufführen, wie Wagner es gewollt hat, die anderen sagen, es ist toll, wie Kay Voges den alten Stoff interpretiert. Ich gehöre definitiv zur zweiten Fraktion. Ich bin schier begeistert von dieser Inszenierung. Mir war in keiner Sekunde langweilig - und das obwohl man (inklusive zweier langer Pausen) wirklich über vier Stunden in der Oper verbringt. Mit vielen tollen Videos gelingt Voges ein berauschender Bilderbogen, den man so schnell nicht vergisst.

Denn, sind wir doch mal ehrlich: Die Original-Handlung aus dem 19. Jahrhundert ist aus heutiger Sicht völliger Schwachsinn: Da wird jemand verdammt, nur weil er sich mal ein bisschen viel der körperlichen Liebe hingegeben hat. Hallo?! Und dann muss er zum Papst (!!) pilgern, der ihm prompt nicht (!!) vergibt, dafür aber alle möglichen Diebe und Mörder begnadigt. Hallo?! Und am Ende bringt sich seine Geliebte - also jetzt nicht die aus dem Venusberg, sondern die andere - aus Verzweifelung um. Meine Güte, warum das denn? Mal eine Frage am Rande: Worin bestand eigentlich genau das Liebesverhältnis zwischen Tannhäuser und Elisabeth? Ja wohl nicht aus körperlicher Liebe, die hier ja so verdammt wird. Da hätte dann ja eigentlich eine Facebook- oder Skype-Freundschaft auch gereicht, oder?

Insofern kann man den Tannhäuser im Original heute eigentlich nur noch wegen der tollen Musik und/oder aus kulturhistorischer Sicht genießen. Aber um ihm einem heutigen Publikum zugänglich zu machen, muss man ihn geradezu verändern. 

Ich bin nicht hundertprozentig sicher, ob Katzanakis' "Die letzte Versuchung Christi" tatsächlich perfekt zum Tannhäuser passt. Da müsste ich jetzt mal etwas länger drüber nachdenken, aber ich finde, das ist auch nicht das Wichtigste an dieser Inszenierung. Das Wichtigste ist das Rauschhafte, und das sollte man einfach genießen, indem man sich in seinem Opernsitz zurücklehnt und nicht mehr allzu viel darüber nachdenkt.

Ein Aspekt scheint mir noch erwähnenswert: Indem er die Minnesänger als Rocker verkleidet und den Venusberg in eine häusliche Szene mit Fernseher, Bademantel und einem Kühlschrank voller Bier verwandelt, spielt Voges ganz geschickt und auf witzige Weise mit Klischees. Schließlich assoziiert man Rocker doch eher mit Sex & Drugs & Rock'n'Roll und den heimischen Herd nicht unbedingt mit rauschhaftem Sex, oder? 

Ich habe jetzt nichts zur gesanglichen Leistung der Darsteller gesagt. Sorry, liebe Opernsänger! Aber dazu fehlt mir schlicht die Kompetenz. Für mich klang's toll und schlicht wunderschön.

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