Sonntag, 23. März 2014

"Peer Gynt" ist ein bildgewaltiger Theaterabend

Hinweis: Für alle, die nicht gerne einen Videofilm sehen, folgt unten die Besprechung auch als Text.


Henrik Ibsens „Peer Gynt“ am Schauspielhaus Dortmund in der Regie von Kay Voges ist ein bildgewaltiges 90-Minuten-Stück, in dem die vielen Stationen des nordischen Mammutwerks von 1867 nur angetupft werden. Um diesen Stoff darzustellen, brauchen andere Bühnen mitunter sechs Stunden. Natürlich hat die enorme Verdichtung zur Folge, dass man sich schon arg konzentrieren muss, um der Handlung zu folgen. Ist einem der Stoff vollkommen fremd, dürfte man am Ende Schwierigkeiten haben, den Gang der Geschichte fehlerfrei nachzuerzählen.

Aber um eine originalgetreue Wiedergabe der Handlung geht es Voges (natürlich) nicht. Wichtig ist, das Wesen, den Charakter jenes Peer Gynt herauszuarbeiten, der ein Luftikus und Aufschneider ist, auf den man sich kaum verlassen kann. Wie eine Zwiebel hat er keinen Kern. Entfernt man Schicht um Schicht, bleibt am Ende nichts mehr übrig. Dieses Unstete der Figur stellt Voges geschickt dar, indem er jeden der sechs Schauspieler Peer Gynt spielen lässt. Sie schmieren sich mit Farbe ein, die sie wie die abgelegten Meinungen ihrer Titelfigur schnell wieder abwaschen können. Dabei hilft ein mit acht Tonnen Wasser gefülltes Becken, das die Bühne in einen Teich verwandelt (Das gab’s vor sechs Jahren in Dortmund schon mal in „König Ödipus“).

Die Schauspieler sind allesamt permanent auf der Bühne, ziehen sich vor Publikum um und wechseln  ihre Rollen. Voges macht damit das Theaterspiel selbst zum Thema und zeigt, dass auch die Schauspielerei viel mit dem Wesen Peer Gynts zu tun hat.  

Regen (sieht man im Theater auch nicht allzu oft) und ein Kasten drei Meter über der Bühne, in dem Liedermacher Thomas Truax immer wieder zum musikalischen Zwischenspiel aufspielt, sind nur zwei von vielen Elementen, die das Stück zu einem opulenten Theaterabend machen, bei dem man viel zu gucken hat.


Bei aller Bewunderung für die tollen schauspielerischen Leistungen aller sechs Darsteller (Uwe Rohbeck, Julia Schubert, Friederike Tiefenbacher, Peer Oscar Musinowski, Sebastian Graf und Bettina Lieder), die Technik, die Regie und das Bühnenbild bleibt es natürlich – wie immer – am Ende doch Geschmacksache, ob einen das ganze Getöse eigentlich irgendwie berührt hat. Man muss sich schon einlassen wollen auf die ganzen Farbschmierereien, das Wassergespritze, das Gestikulieren, Schreien, Toben und das viele Theaterblut, das mal wieder zum Einsatz kommt. Man könnte auch der Ansicht sein – und ich glaube, ich vertrete diese Ansicht –, dass ein bisschen weniger von allem dieselbe Wirkung erzielt hätte – vielleicht sogar eine noch stärkere. 

Kommentare:

  1. Andreas, ich kann dir nur zustimmen, dass die Handlung schwer zu verstehen ist, wenn man sie nicht vorher kennt. Gut , dass ich einige Wochen vorher einen Film dazu gesehen habe,.
    Nichts desto trotz war die Dortmunder Aufführung ein wahnsinnig eindrucksvolles Erlebnis. Ich staune immer wieder, was Kay Voges für Bildmonumente auf die Bühne bringt. Für mich hat der Peer Gynt irgendwie direkt an die Aufführung "Das goldene Zeitalter " angeschlossen. Auch hier ist die häufige Wiederkehr von Personen und Situationen ein Thema.
    Mir persönlich hat das, was du Getöse nennst, gut gefallen. Und voller Verwunderung habe ich erlebt, was im Theater möglich ist.
    Ich freue mich auf deine nächsten Theatererlebnisse. Der Elefantenmensch ist sehr eindrucksvoll.
    Eva

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  2. Hallo Eva,

    vielen Dank für diesen Kommentar! Es ist der erste, den ich hier überhaupt erhalte, und ich bin nun ganz glücklich deswegen. Es scheint also tatsächlich Menschen zu geben, die sich anschauen, was ich hier mache - Wahnsinn ;-) Freut mich. Danke!

    Andreas

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